Kolleg St. Blasien

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Südwest Presse vom Donnerstag, 25. Juni 2009

 

Freunde fürs Leben

 

Kolleg St. Blasien feiert Jubiläum – Ganzheitliche Erziehung wichtiger als Schule

 

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Es hat auch etwas Bedrückendes: Die Straße nach St. Blasien führt abwärts, in ein kleines Tal im Hochschwarzwald. Das Erste, was dem Besucher ins Auge sticht, ist der gewaltige Dom mit dem Kuppeldach. Er bildet den Mittelpunkt des früheren Benediktinerklosters, in dem seit 75 Jahren das Jesuiten-Kolleg untergebracht ist. Die Attraktivität des Ortes im Kreis Waldshut mit 3055 Einwohnern ist nicht gleich erkennbar. Es drängt sich vielmehr die Frage auf, was Jugendliche dazu bringt, freiwillig einige Jahre ihrer Schulzeit dort zu verbringen. Es muss Vorteile haben. Die Nachfrage nach den 900 Plätzen in dem katholisch geprägten Privatgymnasium mit Internat ist groß.

 

In der Schule begegnen dem Besucher fröhliche und auffallend freundliche junge Menschen, die plaudernd auf den Gängen unterwegs sind. Von den rund 900 Schülern sind 560 Externe, das heißt, sie leben nicht im Internat, sondern fahren zum Teil täglich über eine Stunde mit dem Bus, um ins Kolleg zu kommen. „Manche Familien ziehen extra hierher, damit ihre Kinder bei uns in die Schule gehen können“, sagt Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner SJ. Ihm ist um die Zukunft der Schule nicht bange. „Wir haben hier jedes Wochenende mehrere Familien sitzen, von denen eines der Kinder ins Kolleg möchte.“ Oft wachse der Wunsch aus einer Familientradition heraus. Eine große Rolle spielt die Mundzu- Mund-Propaganda. „Viele kennen jemanden, der hier war“, sagt der Jesuitenpater.

 

Auffällig ist für ihn, dass die Zahl der Kinder mit schulischen Problemen steigt. „Immer mehr G8-Flüchtlinge kommen zu uns.“ Das Kolleg biete ihnen Zeit und die Gemeinschaft, um das Turbo-Gymnasium durchzustehen. Die 18-jährige Theresa von Bennigsen ist seit drei Jahren da. „Ich wollte hierher“, sagt sie. Schon ihr Bruder sei da und gleich begeistert gewesen. Sie hat es nicht bereut, aus München in den kleinen Ort mit dem großen Dom zu ziehen. „Viele Jugendliche suchen hier Freundschaft und Gemeinschaft“, sagt der Jesuit. ImKolleg finden sie beides. „Nach einem Jahr hat man Freunde fürs Leben.“

 

Theresa bestätigt das. Sie schätzt das Gemeinschaftsleben, den guten Unterricht und die festen Regeln, die ihrem Tag Struktur geben. „Die Schüler lernen Ordnung und bekommen einen festen Rahmen für ihr Leben und Lernen, und zwar ohne Diskussionen“, sagt Siebner. Ein Beispiel: Jeden Werktag um 16 Uhr ist für zwei Stunden Studium angesetzt. Das heißt auch „Silentium“: Im ganzen Haus läuft in der Zeit kein Radio, kein Fernseher, die Handys sind ausgeschaltet. „Viele Kollegianer behalten das auch noch während ihrer Studienzeit bei“, erzählt Pater Siebner.

 

Die Erziehung im Internat ist streng, aber herzlich. Immer steht der junge Mensch im Mittelpunkt. „Wir wollen für jedes Kind herausfinden, was gut für es ist und es nach Kräften fördern – und fordern.“ Ein Problem hat Siebner immer wieder mit Eltern. Die stünden derart unter Druck, ihren Kindern die beste Ausbildung zu ermöglichen, dass es für sie nur Schule und Leistung gebe. Lebt das Kind im Internat, zahlen sie 1250 Euro Pensionskosten im Monat und erwarten dafür Top-Unterricht und beste schulische Leistungen.

 

Dabei ist für die Jesuiten die Schule nicht das Wichtigste. Ihnen geht es mehr um ganzheitliche Erziehung: Die jungen Menschen sollen einGespür für soziale Gerechtigkeit entwickeln und später in der Lage sein, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Die religiöse Erziehung soll ihren Teil dazu beitragen. „Jedem, der zu uns kommt, muss klar sein, dass das hier ein katholisch geprägtes Gymnasium ist“, betont Pater Siebner. Trotzdem steht es für Schüler aller Konfessionen, getauft oder ungetauft, offen. Für Familien, die sich das Kolleg nicht leisten können, gibt es ein „ausgefeiltes Stipendienprogramm“. Das sorgt dafür, dass auch Kinder aus Handwerker- oder Hartz-IV-Familien ins Kolleg gehen können. Dadurch entsteht die „gute sozialeMischung“. Auf sie legen die Jesuiten Wert.

 

Die gesellschaftlichen Probleme machen auch vor den Klostermauern nicht halt. Das Kolleg ist keine Insel der Seeligen, sondern einMinikosmos, in dem das normale Leben in all seinen Facetten tobt. Deshalb ist auch Alkohol ein Thema. Der wird nicht verboten, vielmehr werden die Kinder zu einem „reifenUmgang mit der Volksdroge“ erzogen.

 

Nach dem Mittagessen strömen die Schüler zu ihren außerschulischen Aktivitäten. Die gehören so selbstverständlich zum Schulalltag wie der Unterricht. Jeder muss zwei in Anspruch nehmen. Die Auswahl ist groß, vor allem im sportlichen und musischen Bereich.

 

Der Ulmer Oberbürgermeister Ivo Gönner und Heiner Geißler – von 1982 bis 1985 Bundesminister – sind Alt-Kollegianer. Beide haben gute Erinnerungen an ihre Zeit in St. Blasien. Er profitiere bis heute von der „strengen Ausbildung“, sagt Gönner. Im Kolleg habe er gelernt, diszipliniert und strukturiert an Aufgaben heranzugehen. „Die 1968er- Zeit hat mich auch hier erreicht“, erzählt das SPD-Mitglied. Er habe eine Jungsozialistengruppe gegründet und mit anderen einen Generalstreik ausgerufen für Meinungsfreiheit und Demokratie.

 

Sein Mitschüler Nikolaus Brender, heute ZDF-Chefredakteur, habe eine Gruppe der Jungen Union gegründet. Aus Mangel an Räumen hätten beide Gruppen zur gleichen Zeit in einem Raum getagt. „Da haben wir Toleranz gelernt“, sagt Gönner.

 

Für Geißler, der im Kolleg 1949 Abitur gemacht hat, war die Erziehung zur Selbstkritik, zur „Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst“, zu Selbstbewusstsein und innerer Unabhängigkeit entscheidend. „Das hat mir im Leben oft geholfen.“ Bis heute zehrt er von der „umfassenden Bildung“. Und Freundschaften? „Bis heute sind meine besten und engsten Freunde aus dieser Zeit.“

 

Petra Walheim

 

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