Kolleg St. Blasien

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Südkurier vom Mittwoch, 3. Februar 2010

 

"Ich spüre Zorn und Scham, auch Trauer"

 

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Was geschieht mit den Opfern? Ist der Ruf des Internats St. Blasien noch zu retten? Ein Gespräch mit Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner

 

Pater Siebner, wie geht es Ihnen nach und mit den Turbulenzen an Ihrer Schule?

Ich bin sehr angestrengt und müde, aber innerlich ruhig und klar.

Woher nehmen Sie diese Ruhe? Die Vorwürfe, die St. Blasien betreffen, kommen zwar aus den 80er Jahren, sie sind gleichwohl massiv. Es geht um sexuellen Missbrauch.

Ich spüre Zorn und Scham, auch Trauer. Gleichzeitig spüre ich eine große Chance in der Wahrhaftigkeit und Wahrheit, der wir uns stellen müssen. Das gilt auch für mich als einzelner Ordensmann und Kollegsdirektor.

Wann haben Sie zum ersten Mal von den Vorfällen erfahren? Dass ein Lehrer des Canisius-Kollegs später auch in St. Blasien tätig war?

Dass Pater Statt erst als Täter in Berlin war und auch in St. Blasien als Täter in Frage kommt, weiß ich seit zehn Tagen.

Pater Statt ist der Jesuit, der sich an Schülern vergriffen hat?

Ja.

Erstaunlich, dass der damalige Kollegs-Rektor das wusste und an die deutsche Ordensleitung weiterleitete, die aber nicht reagierte.

Dazu kann ich nichts sagen, weil ich die Fakten nicht habe. Ich weiß nur, dass sich Pater Statt auch nach seiner Zeit in Südamerika hier in St. Blasien aufhielt.

Waren sie selbst Schüler bei ihm?

Ja, ich war Schüler in Berlin, als er als Lehrer am Canisius-Kolleg wirkte. Ich hatte ihn aber nicht als Lehrer.

Was unterrichtete er?

Sport, Deutsch, Religion.

Welchen Ruf genoss Herr Statt damals, als Sie Schüler waren?

Ich kann nur von mir und meinen Erfahrungen sprechen - andere berichten anderes. Ich fand ihn interessant, neu und anders. Ich mochte ihn.

Inwiefern neu?

Er war anders als die alten Haudegen, die wir da vorgefunden haben. Er interessierte sich für Sport, für Südamerika, er hat sich anders gekleidet. Das fanden wir damals sehr spannend.

Erhalten Sie Anfragen von besorgten Eltern?

Nein.

Am Montag taten Sie etwas Außergewöhnliches: Sie setzten kurzerhand eine Schülerversammlung an.

Ich habe alle Schüler eingeladen und dafür den Unterricht freigegeben. Es kamen etwa zwei Drittel. Das ging eine Schulstunde, etwa 40 Minuten.

Wie nahmen die Schüler das auf?

Ich bin vielleicht der falsche, das zu beurteilen. Meine Wahrnehmung war: Sie haben es gut aufgenommen. Es gab sogar die etwas skurrile Situation, als nach der Information kräftiger Applaus fiel. Das deute ich einmal als Anerkennung für das Vorgehen.

Wo verläuft ihre Richtschnur?

Wie kann man das zusammenfassen? Am besten in drei Punkten. Erstens, die Opfer dürfen nicht erneut zu Opfern gemacht werden, das ist mein erstes Gebot. Mein zweites lautet: Aufklärung hilft, die Wahrheit hilft, sie muss auf den Tisch. Und drittens: Als Jesuit kann ich nicht alles aufklären, weil ich Partei bin, weil ich eine Agenda und einen Auftrag habe. Wenn ich ermitteln würde, würden Sie doch sagen: Ihr ermittelt selber, um Euch reinzuwaschen. Deshalb ist es für mich ganz wichtig, dass die Ermittlung über die Vorfälle in den 80er Jahren von außen geführt werden. Sie würden mir das um die Ohren hauen, wenn ich selbst Nachforschungen aufnehme und die Fakten in ein bestimmtes Licht setze.

In den Richtlinien der deutschen Bischöfe ist auch von Entschädigung die Rede, wenn sich Opfer melden sollten.

Das beschäftigt mich im Moment nicht. Da müssen Sie die Ordensoberen fragen. Die Frage ist wichtig und legitim, aber ich kann da keine Auskunft geben.

Wie viele Interviews gaben Sie seit Bekanntwerden der Vorwürfe?

Ich habe mit dem Zählen irgendwann aufgehört. Am Anfang wollte ich noch den Gesprächsverlauf mitschreiben, aber das habe ich schnell aufgegeben. Es geht nicht.

Nervt das?

Nein, dieser Ansturm geht in Ordnung und ist Teil meines Jobs.

FRAGEN VON ULI FRICKER

 

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