Kolleg St. Blasien

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Südkurier vom Dienstag, 18. April 2009

 

Hauptsache anders: Das Jesuiten-Kolleg im Schwarzwald wird 75 Jahre alt

 

Wie man in St. Blasien Schule macht

 

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Das Kolleg St. Blasien feiert dieses Jahr seinen 75. Geburtstag. Internat und Schule in der alten und weitläufigen Klosteranlage stehen unter Leitung der Jesuiten. Die Einrichtung zählt 907 Schüler.

 

Wer seinen 75. Geburtstag begeht, gilt nach den Maßstäben der katholischen Kirche nicht als alt. Mit 75 Jahren ist eine Institution in diesem Milieu noch ein junger Hüpfer. Einer der Jungen ist das Kolleg St. Blasien. Hinter dem etwas altertümlichen Begriff verbergen sich Internat und Gymnasium, die in den unzähligen Zimmern und Sälen des ehemaligen Klosters im Südschwarzwald einquartiert sind.

St. Blasien - der Name löst noch immer Respekt, Staunen, Rätseln aus. Das junge Gymnasium in den alten Räumen pflegt einen einfachen Anspruch: Es will zu den besten seiner Klasse zu gehören. "Wir spielen in der 1. Liga", sagt Johannes Siebner, der Kollegsdirektor, ohne lange zu fackeln. Der Jesuit mit dem flotten Berliner Zungenschlag ist der erste Mann dieser Einrichtung. Er ist Repräsentant, Anlaufstelle für viele Eltern, Kümmerer. Und er ist Seelsorger dazu. Vor allem verkörpert er die Tradition seines Ordens - der Jesuiten. Sie formten St. Blasien zu dem, was es heute ist: eine katholische Privatschule, die nach dem staatlichen Lehrplan unterrichtet und dabei haarscharfe feine Unterschiede kultiviert, um nicht verwechselbar zu sein. Obwohl die breite Mehrheit des Lehrerkollegiums weltliche Lehrer sind, verdankt St. Blasien seinen Ruf den Nachfolgern des Spaniers Ignatius von Loyola. Gerade noch acht Jesuiten lehren und erziehen heute am Kolleg - doch sie bringen die spezielle Stammwürze ans Internat. Ohne sie wäre es eine Schule wie andere auch. Das aber soll nicht sein. Hier herrscht die ignatianische Methode nach der Melodie: Es lebe das Andere.

907 Schüler tummeln sich im Schuljahr 2008/09 in den weitläufigen Trakten, Flügeln und Nebengebäuden des ehemaligen Konvents. Das entspricht der durchschnittlichen Größe eines Gymnasiums. "Wir wollen mehr sein als Schule", ergänzt Pater Siebner. St. Blasien fängt da an, wo andere aufhören. Wo gewöhnliche Schüler nach dem Unterricht brav nach Hause jubeln, ist im Internat erst Halbzeit. In sechs verschiedenen Räumen, allesamt mit Stuck und Holzgetäfer, speisen die Schüler. Nach einer Ruhepause folgt die "Studierzeit" - für manchen Schüler wohl der Horror, für andere eine Wohltat. "Um 16 Uhr herrscht hier absolute Stille", hofft Pater Siebner. Unter Aufsicht lernen alle, Handys und andere Krachmacher schlafen derweil. Den täglichen Kampf ums Lernen, den sonst die Eltern aushalten, fechten hier die Pädagogen aus.

Überhaupt die festen Gewohnheiten und Regeln. Wenn hier etwas an ein Kloster erinnert, dann die Rituale, die mit Hingabe gepflegt werden. "Erziehung findet statt", umschreibt der Jesuit Siebner prägnant sein Programm. Das Lob der Disziplin, das ein Buchtitel 2006 zu entdecken glaubte, wird hier also schon lange gesungen, ohne dass es schwarz auf weiß auf einem Buchdeckel steht.

St. Blasien hat einen gewichtigen Vorteil: Als kirchliche Schule muss es seine Grundsätze nicht täglich aufs Neue erfinden; die Regeln stehen nicht im Internet und werden auch nicht von Unternehmensberatern diktiert. Die Patres orientieren sich am katholischen Brauch. Am Sonntag beispielsweise gehen die Schüler in den Gottesdienst - dessen Besuch ist Pflicht. Viele ministrieren, andere gehen mehr getrieben denn aus innerem Drang in das riesige Kirchenschiff unter der Kuppel. Dazu kommt das Morgengebet, mit dem die erste Stunde beginnt. "Die meisten sind für diese Prägung später dankbar", weiß der Kollegsdirektor aus Gesprächen mit den Ehemaligen. Als Alumni haben sie sich zusammengeschlossen, das zeigt ihre Anhänglichkeit an die ehemalige Penne. Siebner sagt: "Die Eltern erwarten das". Sie wünschen Werte und etwas Schliff. Interessanterweise stammen etwa ein Drittel der Kinder und Jugendlichen aus evangelischen Elternhäusern. Siebner sagt: "Das spricht nicht gegen uns."

Im Übrigen: Im Stundenplan finden die Schüler nicht mehr Religionsstunden als anderswo. Die Bezeichnung "katholische Kaderschmiede" geht haarscharf an St. Blasien vorbei. Man will weder Missionswerk noch Schleifstein für schwache Seelen sein. Sondern eine Schule, die den feinen Unterschied pflegt.

Ein Trennendes liegt im Katholischen. Das andere sind - vergleichbar anderen Internaten - Sport und Musisches. Der Sportplatz ist älteren Datums, "da sind wir gerade dran", sagt Wolfgang Mayer, der auch für das Spendensammeln zuständig ist. Dafür kann sich der Musikunterricht sehen und hören lassen. Ein ganzes Haus steht dafür bereit, mit Übungszellen, Klavieren und Vortragssaal. Aus den Räumen summt und schallt es. Eine chinesische Schülerin mit Zahnspange und starker Brille studiert eben Brahms ein. "Das sind zwei Stunden zusätzlich pro Woche", meint Siebner.

Für die Schulleitung hat die Musik außer dem Zweck (Tonerzeugung) noch einen Sinn: Musik sei ein anderer Zugang zur Spiritualität, sagt der Pater-Direktor. Und noch etwas, abseits von allen Musik-schärft-die Konzentrations- Argumenten: Wer ein Instrument spielt, tut etwas Zweckfreies. Das ist wichtig, beschreibt Johannes Siebner seine Philosophie. "Ich bin überzeugt vom Nutzen des Nutzlosen", sagt er. Nutzlose Dinge tragen irgendwann irgendwie Früchte. Da ist er sich sicher.

Dass seine Arbeit und die seiner Kollegen heute Früchte tragen, sieht er. St. Blasien ist begehrt. "Jeden Samstag habe ich fünf Familien hier sitzen", erzählt der Chef. Familien, die den Zögling hier unterbringen wollen. "Dann schauen wir: Wer passt zu uns? Und: Passen wir denn zu ihm?" Schon jetzt steht fest: Für die Klassen 10 und 11 stehen mehr Bewerber auf der Matte als Stühle im Klassenzimmer. Johannes Siebner ist es deshalb für die kommenden 75 Jahre nicht bange.

 

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