Kolleg St. Blasien

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Stuttgarter Zeitung vom Mittwoch, 7. April 2009

 

Bildung zielt hier nicht nur auf Verwertbarkeit - Im Kolleg St. Blasien lehren die Jesuiten seit 75 Jahren

 

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Sie vertreten ein Bildungsideal, in dem die Nützlichkeit für den Beruf nachrangig ist, sie wollen, dass Schule nicht so wichtig ist, dass Schüler das Lernen lernen – und sie sind begehrt. Das Kolleg St. Blasien, eine von drei deutschen Jesuitenschulen, boomt im Jahr seines 75. Bestehens.

 

Von Renate Allgöwer

 

Noch ist nicht Ostern, doch im Hof des Jesuitenkollegs in St. Blasien hat die Theatergruppe längst die Bühne für das Pfingsttheater aufgestellt. "Romeo und Julia" wird gegeben, und das will geprobt sein. Musische Bildung ist wichtig im Kolleg, Sport ebenfalls. Schule? "Schule ist nicht so wichtig", sagt Johannes Siebner ketzerisch. Er ist der Direktor des Kollegs St. Blasien, eines Gymnasiums mit 907 Schülerinnen und Schülern, von denen 340 im Internat leben.

Den Eltern dagegen ist Schule sehr wichtig. Siebner weiß das: "Schon vom Kindergarten an lastet ein wahnsinniger Druck auf den Eltern, ja nichts falsch zu machen." Mit dem Jesuiteninternat glauben sie sich auf der sicheren Seite. Sie bezahlen 1250 Euro im Monat, damit ihre Kinder in der Zukunft Erfolg haben. Das sind keine guten Voraussetzungen, findet der Direktor. Die Jesuiten halten die Erziehung hoch. Im Spannungsfeld zwischen Schulergebnissen und dem Ziel, die Schüler in die Lage zu versetzen, ein gesundes, ein freies Urteil zu erlangen, geben sie der Erziehung den Vorzug. Hinter Siebners Namen steht "S.J.", Societas Jesu, das weist ihn als Jesuiten aus, als Angehörigen des Bildungsordens schlechthin, wie der Pater sagt. "Wir machen das seit 450 Jahren."

Die Tradition verleiht Sicherheit. Während alle Welt Berufspraktika anbietet, damit die Schüler sich im Erwerbsleben zurechtfinden, hält das Kolleg St. Blasien an seinen Sozialpraktika fest. "Wir engen den Bildungsbegriff nicht ein, auf effizientes Wissen. Bei uns geht es um Entfaltung und Entwicklung, nicht nur um Effizienz", umreißt Pater Axel Bödefeld, der Internatsleiter, das jesuitische Bildungsideal. Verantwortung zu übernehmen und sich um Schwächere zu sorgen steht dabei ganz oben.

Johannes Siebner charakterisiert eine Jesuitenschule als einen Ort, an dem Kinder und Jugendliche Würde erfahren, an dem sie über das Gelernte nachdenken, an dem die Frage nach Gott wachgehalten wird und an dem nach Gerechtigkeit in der Gesellschaft gesucht wird. Die Exerzitien des Ordensgründers Ignatius von Loyola haben auch heute noch ihre Berechtigung, sagt Siebner. Seien sie doch nichts anderes als Übungen. Geistliche Übungen machen etwa die Abiturienten: Ein halbes Jahr vor der Reifeprüfung werden "Abiexerzitien" angeboten. Etwa ein Dutzend der Abschlussschüler nehmen das Angebot an. Reflexion, über das Gelernte nachdenken, bezeichnet Siebner als die größte pädagogische Herausforderung.

Die Tradition weckt Ansprüche. Das katholische Privatgymnasium ist gefragter denn je. Die Kombination von humanistischer Bildung und Internat kommt an. Ins Internat werden nicht alle Interessenten aufgenommen, vor allem nicht in den Klassen neun, zehn und elf - wenn die meisten Interessenten kommen. Externe Schüler nehmen durchaus eine Stunde Busfahrt in Kauf, um im Kolleg unterrichtet zu werden. "Dass man hier Griechisch lernen kann oder Chinesisch", hat Lena aus Albbruck beeindruckt. Die 14-Jährige fährt seit drei Jahren eine Stunde mit dem Bus nach St. Blasien und findet die Schule noch immer sehr schön. Linda aus Haide sollte eigentlich auf das staatliche Gymnasium in Waldshut, aber bei der Besichtigung hat den Eltern gefallen, dass es in St. Blasien "strukturierter zugeht", und Annika Vogelbacher, deren zwei Brüder auch in St. Blasien sind, erklärt, "die Schule legt Wert auf Erziehung, man kriegt was mitgegeben". Fast zwei Drittel der Schüler sind Externe. Sie bezahlen 120 Euro im Monat. Das Kolleg vergibt jährlich etwa 80 Stipendien im Wert von 350 000 Euro -die meisten an externe Schüler, betont Pater Siebner.

Die Tradition verpflichtet. Die jesuitische Erziehung baut auf Bejahung der Welt und auf der Sorge für jeden Einzelnen auf. Pater Siebner sieht es als Aufgabe des Kollegs an, "die Kinder vor den vielen Anforderungen an Schule und Erziehung zu schützen". Manche Eltern, die jeden Samstag zu Informationsgesprächen kommen, mögen überrascht sein, wenn der Kollegdirektor sagt: "Kinder sind nicht unsere Zukunft, nicht unsere Rentenversicherung und nicht die Ingenieure der Zukunft." Im Kolleg gilt: Kinder sind um ihrer selbst willen liebenswert.

Das prägt die Atmosphäre. Das Besondere an St. Blasien ist, "man kümmert sich um den einzelnen Schüler. Die Schule lässt keinen in der Ecke liegen", erzählt der Internatsschüler Philipp. Der Dreizehnjährige ist ein begeisterter Sportler, er schätzt auch das freiwillige Abendgebet am Mittwoch oder geht gerne mal in die Hauskapelle: "Da kann man zur Ruhe kommen." Ein institutioneller Ausdruck der Sorge um den Einzelnen ist das Zentrum für individuelle Begabungsförderung. Zurzeit sind die besonders Begabten und die Schüler, die sich besonders schwertun, die Nutznießer. Pater Siebner schwebt aber vor, dass das Zentrum einmal allen Schülern zur individuellen Förderung offen steht.

Schule soll gelingen, natürlich, aber sie soll nicht so wichtig sein. Dazu trägt das Internat bei. Dort sind viele, die einst Schulprobleme hatten, Siebner macht auch viele G-8-Flüchtlinge unter seinen Schützlingen aus. Ihnen ist der Stundenplan zu dicht. Auch St. Blasien stellt natürlich auf das achtjährige Gymnasium um. Aber im Internat wird jeden Nachmittag um vier zwei Stunden lang studiert, da gibt es keine Diskussion.

Jeder Schüler hat seinen Schreibtisch in den Studiersälen. Nach so intensiver Übung bleibt fast allen Schülern Zeit für Hobbys, Zeit zum Hockey- oder Fußballspielen im SV Kolleg St. Blasien oder für das Orchester. Am Ende liegen die Noten der Absolventen regelmäßig über dem Landesschnitt.

Das Jesuitenkolleg St. Blasien besteht seit 1934, an Ostern wurde das Internat eröffnet, das bis 1989 Jungen vorbehalten war. Die Geschichte des Kollegs geht auf das 1596 im schweizerischen Fribourg gegründete St. Michaelskolleg zurück. In St. Blasien schlossen die Nationalsozialisten die Jesuitenschule bereits im März 1939 wieder, im Mai 1946 wurde der Unterricht wieder aufgenommen.

 

Einst nur für Jungen

 

Heute zählt die Schule 907 Schülerinnen und Schüler, im Internat sind rund 200 Buben und 130 Mädchen. Die katholische Religionszugehörigkeit ist nicht Bedingung für die Aufnahme in die Schule und das Internat. Neben St. Blasien gibt es in Deutschland eine Jesuitenschule in Berlin und eine in Bad Godesberg. Im Kolleg St. Blasien unterrichten 80 Lehrer. Auf dem Gelände leben 13 Mitglieder des Jesuitenordens. Fünf sind Vollzeitlehrer des Kollegs, einer ist der Gemeindepfarrer von St. Blasien. Der Orden ist ein weltlicher Orden, die Mitglieder tragen keine Ordensgewänder.

 

Die Gesellschaft Jesu wurde 1540 von Ignatius von Loyola gegründet. Die Mitglieder geloben Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam, außerdem besonderen Gehorsam zum Papst. Ihr Motto lautet: zur höheren Ehre Gottes (ad maiorem dei gloriam), ihr Signet ist das Christusmonogramm IHS. In St. Blasien wird der Festakt zum 75-jährigen Bestehen des Kollegs an Pfingsten gefeiert.

 

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