Kolleg St. Blasien

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Neue Zürcher Zeitung vom Mittwoch, 17. Juni 2009

 

Förderung der Reflexionskultur

 

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Das Kolleg St. Blasien an der Schnittstelle zwischen Tradition und Moderne

Bedeutungen und Zusammenhänge verstehen, die individuelle Verantwortung erkennen und wahrnehmen, eigene Handlungsmöglichkeiten erleben - dies die pädagogischen Leitplanken des Jesuitenkollegs im Südschwarzwald.


Wie eine gewaltig dimensionierte sakrale Trutzburg erhebt sich mitten in St. Blasien das einstige Benediktinerkloster. In diesen historischen Mauern im Herzen des Südschwarzwalds ist seit 75 Jahren das Jesuitenkolleg untergebracht, wobei die geringe Jahreszahl über das wahre Alter der Internatsschule hinweg täuscht: Deren Vita begann bereits 1596 in Freiburg im Uechtland, als der erste deutsche Jesuit Petrus Canisius das St. Michaelskolleg gründete, das - nach wirren Zeitenläufen und einer Zwischenstation im vorarlbergischen Feldkirch - seit 1934 in St. Blasien untergebracht ist.

Doch die monastische Hülle täuscht; im über eintausendjährigen Gebäudekomplex wird das humanistische Bildungsideal, das der Ordensgründer Ignatius von Loyola an der Pariser Universität kennen- und schätzen gelernt hatte, erstaunlich liberal und weltoffen in die Neuzeit übertragen. Als wir das Kolleg besuchen, treffen wir nicht etwa auf Jesuiten in Kutten, sondern krawattenlose Gesprächspartner jenseits jeder klösterlichen Askese. Und in den endlos langen Gängen unterhalten wir uns auf Augenhöhe mit aufgestellten Schülerinnen und Schülern; auf dem Sportplatz wird mit Getöse Volleyball gespielt. Die in der Unterstufe angesiedelte "Instrumentalklasse" setzt im neuen Musikhaus das Ideal ganzheitlicher Erziehung gleicher Massen hörbar um. Zum breit angelegten Fächerkanon gehören alte und moderne Fremdsprachen genauso wie ein naturwissenschaftlicher Profilzweig. Griechisch, Philosophie, Chinesisch, Astronomie, Literatur, Wirtschaft, Darstellende Geometrie, das Ganze eingebettet in die ignatianische Pädagogik, die sich abstützt auf eine bewusste Reflexionskultur mit Konsequenzen beispielsweise für den Mathematik- und Englischunterricht. Oder wie es Pater Johannes Siebner SJ, der Direktor des Kolleg St. Blasien formuliert: "Der gebildete Mensch ist nicht der, der viel weiss, sondern der, der unterscheiden und sortieren, sich ein eigenes Urteil bilden kann, um selbstbestimmt handeln zu können."

Keine Abschottung vor der bösen Welt

Kein Unfehlbarkeitsanspruch also des Bildungsordens der Jesuiten? "Nein, wir fördern die Denkfreudigkeit und Debattierlust der Jugendlichen." Und auch keine Abschottung vom Bösen des Alltags hinter schützenden Klostermauern? "Überhaupt nicht. Wir stellen uns dem Dialog, praktizieren aber keine Kuschelpädagogik, sondern versuchen die Kinder für das Leben vorzubereiten. Gerade deshalb muss die Erziehung klar sein, sonst fliegt uns das Internat um die Ohren." Ist es, so der naheliegende Verdacht, lediglich eine Spielwiese für die Sprösslinge reicher Eltern aus Bildungsbürgertum und Adel, die den doch stattlichen Internatsbeitrag von monatlich 1250 Euro locker aufwerfen können? "Mit dem Ruf, eine Schule für reiche Schnösel zu sein, müssen wir wohl leben. Aber im Vergleich mit den meisten Privatschulen sind wir wesentlich preiswerter." Zudem werden Jahr für Jahr Stipendien im Gesamtbetrag von rund 250.000 Euro vergeben, wovon etwa 100 Kinder profitieren können; die pekuniäre Hilfe entfällt zu zwei Drittel auf Externe und einem Drittel auf Interne. St. Blasien - das umfasst über 900 Schülerinnen und Schüler aus 22 Nationen, davon 340 im Internat. Momentan machen 106 das Abitur, gut die Hälfte sind Interne. Aufschlussreich die Religionszugehörigkeit: Auf Römisch-Katholische entfallen zwei Drittel, auf Evangelische ein Viertel, und immerhin 85 bekennen sich zum Buddhismus, zum Hinduismus, dem Judentum und andern Glaubensbekenntnissen.

Die Schweiz ist mit 26 Schülern recht gut im Vielvölkermix vertreten. Der in Basel aufgewachsene Latein- und Griechischlehrer Raphael Michel, ein Altschüler der Stiftsschule Engelberg ("Dort war die Erziehung eher strenger"), schätzt den im Kolleg herrschenden Grundkonsens. "Das macht den Unterricht einfacher. Man muss die Sache nur einmal sagen, dann ist es gegessen."

Pekuniäre Hilfe durch Netzwerk-Bewirtschaftung

Und die Finanzkrise? Sie ist erst in Ansätzen spürbar, wenn Interessenten beispielsweise ihre Anmeldung zurückziehen, doch die wirtschaftliche Selbstverantwortung wiegt angesichts limitierter kirchlicher und öffentlicher Hilfe schwer. Umso wichtiger werden Fundraising und die Pflege von Netzwerken mit Ehemaligen und Sympathisanten. "Fundraising ist Friendraising" umschreibt Internatsleiter Pater Dr. Axel Bödefeld SJ die Herausforderung. Um erfolgreiches Fundraising betreiben zu können, brauche es jedoch einen hohen Organisationsgrad und überzeugende Förderprojekte. Denn mit zwei Fingern kann man nun mal keine Faust machen.

Die generellen Aussichten werden indessen - dies als Korrelat der optimistischen Weltsicht des Jesuitenordens - positiv beurteilt. Überhaupt scheint es, dass angesichts der Weltwirtschaftskrise und der daraus resultierenden Erosion materieller Werte die schulischen Institutionen wieder mehr geschätzt werden. Bödefeld nennt eine weitere Tendenz: "Auch die wertorientierte Bildung und Erziehung erlebt eine Renaissance." Das verleiht dem auf den christlichen Glauben ausgerichteten Kolleg St. Blasien Aufwind, zumal dessen Maximen "Wissen, Gewissen, Gespür" die Einmaligkeit des Individuums betonen. Es soll sich anerkannt, gefördert und gefordert wissen ("cura personalis"), aber auch die eigenen Handlungsmöglichkeiten und -grenzen ausloten, erkennen - und respektieren.

www.kolleg-st-blasien.de

Werner Knecht

 

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