Kolleg St. Blasien

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Managermagazin Oktober 2009

 

Reich an Bildung

 

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Internate - Das öffentliche Schulsystem kriselt, Privatschulen sind oft besser. Wo lernen die Eliten von morgen? Eine Spurensuche.

 

Es war ein Tag im November, als in Louisenlund, Schloss an der Schlei und traditionsreiche Stätte gehobener Internatserziehung, die Revolution ausbrach.

 

Schüler riefen „Chaos-Tage“ aus, blieben dem Unterricht fern und zogen zu nächtlicher Stunde mit Fackeln ums Schloss. Lehrer, so hört man, sympathisierten. Drei Tage lang ging nichts mehr.

 

Der Anlass der Unruhen: Louisenlund hat einen neuen Schulleiter. Werner Esser, einst Salem-Pädagoge und zuletzt Leiter des staatlichen sächsischen Hochbegabten- Gymnasiums Sankt Afra in Meißen, ist angetreten, das akademische Niveau zu heben.

 

Kein kleiner Schock für die Anhänger der Louisenlunder Internatspädagogik. Das feine Institut orientiert sich an den Ideen Kurt Hahns, der 1920 in Salem die Landerziehungsbewegung ins Leben rief. Louisenlunder lernen Kuttersegeln, schulen ihren Gemeinschaftssinn bei der Feuerwehr und engagieren sich in allerlei „Gilden“ – vom Politikprojekt bis zum Theaterspiel. Zu den Schülern zählen derzeit zum Beispiel Newton und Edison, die Söhne des Hamburger Werbers Jean- Remy von Matt. Auch Kaffeeunternehmer Albert Darboven und Privatbankier Max Warburg drückten hier einst die Schulbank.

 

Mit Essers Amtsantritt drohte ein Kulturkampf im Nobelinternat: Schüler und Teile der Lehrerschaft sahen die Traditionen verraten, fürchteten strammen Drill statt ganzheitlicher Erziehung. Doch ein Zurück zur alten Idylle ist nicht in Sicht. Ingeborg Prinzessin zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg höchstselbst, Vorstandsvorsitzende der das Internat tragenden Stiftung, hat den neuen Kurs angeordnet.

 

Denn in Louisenlund blieben Plätze frei. Die Schule kämpft um ihre Kundschaft – und das in Zeiten, in denen Familien privaten Schulen die Türen einrennen. Immer mehr Eltern sind enttäuscht von den Schwächen vieler staatlicher Gymnasien. Pisa-Studien, Unterrichtsausfall, achtjähriges Gymnasium und Lehrermangel trieben besorgte Eltern scharenweise in seine Beratung, berichtet der frühere Salem-Lehrer Hartmut Ferenschild, der heute Eltern bei der Suche nach dem richtigen Internat berät.

 

In jeder größeren Stadt entstehen Privatschulen. Auch Prominente wie der ehemalige Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt und jetzige CDU-Bundestagsabgeordnete Bernd Schmidbauer (70) machen mit: Er ist Mehrheitsgesellschafter des Privatgymnasiums in St. Leon-Rot, einer Ganztagsschule in Baden-Württemberg. Und schwärmt von einer „wunderbaren Aufgabe“.

 

Vor allem ambitionierte Manager und Unternehmer fragen sich: Wo erhält mein Kind erstklassige Schulbildung? Was können Private, was der Staat nicht leisten kann? Und wie finde ich in der Fülle der Angebote das beste Internat? Denn in der Krise des öffentlichen Gymnasiums sind Internatsschulen die konsequenteste Alternative. Sie bieten

 

häufig kleinere Klassen, fördern Schüler individueller und stellen sich zunehmend auch auf Hochbegabte ein. Sie verzahnen den Unterricht in der Ganztagsschule mit vielfältigen Nachmittagskursen, in denen Kinder und Jugendliche ihren Neigungen nachgehen und neue Interessen entwickeln können.

 

Internatserziehung ist in den besseren Kreisen wieder „in“. Damit wachsen aber auch die Ansprüche an die so teuren wie alteingesessenen Anbieter privater Bildung. Es geht nicht mehr um ein paar schöne Jahre in guter Luft und reizvollen Schlössern, sondern um tolle Leistungen, super Noten und eine maßgeschneiderte Vorbereitung auf die globalisierte Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts. Die besten Internate arbeiten hart daran, sich auf diese neuen Ansprüche einzustellen.

 

In Louisenlund zum Beispiel hat sich viel getan: Es gibt ein modernes Chemielabor und eine nagelneue Turnhalle. Weitere Verbesserungen der Ausstattung sollen folgen, sagt Direktor Esser. Bereits vor seiner Zeit eingeführt wurde die Möglichkeit, anstatt des Abiturs das Inter national Baccalaureate abzulegen und damit problemloser an Auslandsuniversitäten studieren zu können.

 

Schülerschaft, Pädagogen und Leitung haben sich auch wieder zusammengerauft, statt heimlich-frustriert wird wieder engagiert gelernt. Nur mit den Abi- Noten hapert es noch. Derzeit hält die Schule den Durchschnitt in Schleswig- Holstein, häufiger lag sie darunter. Andere Landerziehungsheime wie eben das berühmte Salem am Bodensee, der humanistisch orientierte Birklehof und das „segelnde Klassenzimmer“, die Hermann- Lietz-Schule Spiekeroog, überflügeln hingegen den Landesschnitt. Den klassischen Edelinternaten machen Institutionen Konkurrenz, die das Streben nach akademischer Höchstleistung in den Vordergrund stellen.

 

Zum Beispiel Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern, laut Eigenwerbung das Internat für „Schülerinnen und Schüler mit Zukunft“. 1994 gegründet, wendet sich das Institut an „beruf- lich engagierte Eltern, die wissen, dass die Leistungserwartungen höher, der berufliche Wettbewerb härter, Schul- und Studienabschlüsse wichtiger werden“. Vor Anfragen dieser Eltern kann sich Schulträger Mario Lehmann, ein Jurist aus Heidelberg, kaum retten. 40 Plätze zum Preis von 27 600 bis 30 400 Euro pro Schuljahr hat er anzubieten. Fünfmal so viele Familien bewerben sich. Interessiert sind vor allem Mittelschichtler, Anwälte, Manager, Selbstständige.

 

Kein anderes Internat vermarktet sich so laut wie Torgelow. Torgelow-Schüler zeigten Früchte ihres Gedächtnistrainings bei „Stern TV“. Torgelow-Abitu - rienten erzielten in diesem Jahr im Durchschnitt die Traumnote 1,9. Einen doppelten Rekord erzielte Torgelow- Schülerin Ann-Christin Wendeln aus dem Landkreis Cloppenburg: Sie bestand, erst 15-jährig, ihre Prüfung mit 1,0.

 

Die Schule besetzt Klassen mit höchstens zwölf Kindern und nimmt bereits etliche Fünftklässler auf. Schon die Kleinsten haben ihre künftigen Ziele klar vor Augen. Gute Leistungen seien wichtig, meint Sven, ein schmales Bürschchen aus der Klasse 5a, „damit man später eine große Auswahl guter Jobs hat“. Die Schule sortiert aus dem großen Kreis der Anwärter zielbewusst aus. Ein Notendurchschnitt von mindestens 2,5 ist Voraussetzung, um angenommen zu werden. Doch im Unterricht hat man nicht das Gefühl, dass die Schule nur Superhirne betreut. 11.40 Uhr, die Klasse 9a hat Deutschunterricht bei Frank Jürgens. Schillers „Kabale und Liebe“ wird durchgenommen, die Jungs lesen eher stockend vor, die Mädchen etwas flüssiger.

 

Viermal im Jahr werden alle Schüler bewertet und die Noten im Anschluss schulintern veröffentlicht. Eine Woche vor den Sommerzeugnissen ahnt die 9a schon, wer in ihrer Klasse auf Platz eins stehen wird: Julia, eine sogenannte Externe, die bei ihren Eltern wohnt und eins der raren Leistungsstipendien erhalten hat. Offenbar setzt auch Torgelow wie die meisten Internate auf Zuschüsse an begabte Kinder, um das allgemeine Leistungsniveau zu heben.

 

Selbst für die Zeit nach dem Abitur wird in Torgelow vorgesorgt. Ab Klasse 10 besuchen die Schüler Kurse zur beruflichen Orientierung, üben sich in „effek - tiver Kommunikation“ sowie „Zeit- und Lernmanagement“. Das traditionelle Abschlussfoto zeigt Abiturienten in dunklen Anzügen und Abiturientinnen in bonbonfarbenen Roben vor dem Schlosseingang, ihre Namen veröffentlicht die Schule in überregionalen Zeitungen mit dem Zusatz: „Namen, die Sie sich als Arbeitgeber merken sollten.“

 

Man kann das für eine Verengung des Erziehungsgedankens halten. Man mag einwenden, dass Schule eben keine Universität ist und sein soll. Dann riskiert man allerdings, für einen hoffnungslosen Adoleszenzromantiker gehalten zu werden. Denn heute erledigen Mütter die Hausaufgaben ihrer Grundschulkinder, sie melden falsche Wohnsitze an, um den Zugang zur „richtigen Schule“ zu erhalten. Heute stehen schon I-Männchen im gnadenlosen Wettbewerb. Insoweit sind die Torgelower nur konsequent.

 

Wer anders denkt, ist vielleicht ein Fall für die Kirche. Die großen christlichen Konfessionen waren die ersten Träger internatsgebundener Bildung in Deutschland, und bis heute ist von rund 180 Internaten mit allgemeinbildenden Schulen knapp die Hälfte in Kirchenhand. Viele verstehen sich als Reparaturbetriebe für schwierige Schulkarrieren. Einige glänzen mit höchsten Bildungsansprüchen.

 

Auf protestantischer Seite gehören das Evangelische Seminar Maulbronn – in dem Hermann Hesse und Friedrich Hölderlin zur Schule gingen – und das Seminar Blaubeuren zu den renommiertesten Internaten. Auf katholischer Seite findet die geschlechtsgetrennte Erziehung ihr Refugium. Im Internat des Klosters Ettal lernen nur Jungs, die Heimschule Kloster Wald unterrichtet exklusiv Mädchen.

 

Und dann sind da noch die Schulen der Jesuiten. Die intellektuellen Ordensbrüder bieten ein Produkt, das alle Übel der orientierungslosen modernen Gesellschaft an der Wurzel packen will: beste Schulbildung plus Werteerziehung. Jesuiten wirken am Aloisiuskolleg in Bonn zum Beispiel (gesprochen Alo-isius, nicht etwa Aleusius, das verrät den Outsider). Und im ehemaligen Benediktinerkloster St. Blasien im Schwarzwald.

 

Die klassizistische Kuppel des Doms prägt das winzige Örtchen. Ablenkung ist rar, die nächste Großstadt – Freiburg – weit, eigene Autos sind verpönt.

 

Wo, wenn nicht hier, kann gute Erziehung noch ihre ganze Kraft entfalten?

 

Und so ist das Internat in den oberen Kreisen gerade schwer en vogue. Wo einst der vergrübelte CDU-Sozialrevolutionär Heiner Geißler und Pudding-Erbe Alfred Oetker zur Schule gingen, lernen heute Botschafterkinder und Nachwuchs aus dem Fürstenhause Waldburg-Zeil. Auch ein Hamburger Unternehmensberater mit Adelsprädikat, der einen Sohn in Torgelow hatte, experimentiert nun mit seiner Tochter in St. Blasien. Und in der Schülerzeitung „Gegenwind“ macht sich Mona Sloterdijk, die Tochter des bekannten Philosophen, Gedanken über den Begriff der „Elite“.

 

In St. Blasien sind die Regeln streng. Geschlechtsverkehr unter den Zöglingen wird mit Internatsverweis bestraft, das erste halbe Jahr gilt als Probezeit. Samstags abends dürfen im internatseigenen Partykeller je nach Alter zwei oder drei Bier konsumiert werden. Unter Aufsicht.

 

Die akademischen Angebote beeindrucken. Der Chinesischunterricht wird von einer leibhaftigen Professorin der Universität Shanghai betreut, alle Kursteilnehmer gehen drei Monate nach Asien. Die „Euroklasse“ holt Jugendliche aus der ganzen Welt nach St. Blasien. Ein neu eröffnetes „Zentrum für individuelle Begabungsförderung“ will Schwächen ausgleichen und Stärken fördern. Gottesdienste und Exerzitien prägen die Internatszeit, wie „Speck das Essen schmackhaft macht“, schwärmt Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner. Das Internat wolle junge Menschen anziehen, „die in diesem Land vielleicht später Verantwortung übernehmen“. Auch ein Sozialpraktikum gehört zum Pensum: „Man kann über diese Gesellschaft nicht reden, wenn man sie nur von oben kennt.“ Wer die mit Einkaufstüten von Hermès, Chanel und Burberry gepflasterten Wände einiger Zimmer im Mädchenhaus sieht, ahnt, wie schwer der Perspektivwechsel gelingen mag.

 

Das führt zu einer weiteren Erkenntnis über Internate: Intelligenz hin, Leistung her – man muss eben auch ins spezifische Milieu passen. Da gilt es genau hinzusehen und sorgfältig zu prüfen, welches Institut dem eigenen Kind wirklich guttut (Kriterien siehe Kasten Seite 165). Übrigens: Außerordentlich fähige jun ge Menschen können sich ihre Internatserfahrung auch vom Steuerzahler finanzieren lassen. Die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hessen und Baden- Württemberg unterhalten inzwischen vier Internatsgymnasien für Hochbegabte, die für Schüler aus dem gesamten Bundesgebiet zugänglich sind. Die Kosten für Unterhalt und Verpflegung sind gering, hohe Intelligenz und vielfältige Neigungen müssen nachgewiesen werden, das Lernpensum ist straff. Ein Wettstreit um bessere Bildungs - angebote für die nächste Generation ist entbrannt, an dem sich selbst der Staat beteiligt. Pisa sei Dank.

 

Eva Buchhor

 

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