Kolleg St. Blasien

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Konradsblatt vom Sonntag, 31. Mai 2009

 

Klares Profil und große Offenheit

 

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Das von den Jesuiten getragene Gymnasium und Internat in St. Blasien wird 75 Jahre alt

Über die Pfingstfeiertage feiert das von den Jesuiten getragene Kolleg St. Blasien im Schwarzwald sein 75-jähriges Bestehen. Die Einrichtung "boomt" und ist ein beeindruckendes Beispiel für die Pädagogik des Jesuitenordens, die den Einzelnen mit seinen individuellen Fähigkeiten ernst nimmt.


Johannes Siebner hat die Warnung in großen Buchstaben ausgedruckt und am Schrank in seinem Arbeitszimmer angebracht. Das Blatt ist nicht zu übersehen: "Lesen gefährdet die Dummheit", steht darauf.

Dieser Spruch passt. Sowohl zu dem Mann, als auch zu der Einrichtung, der er vorsteht. Johannes Siebner ist Jesuit und Priester. Und er ist Direktor des Kollegs St. Blasien, einem von bundesweit drei Gymnasien mit angeschlossenem Internat des Ordens der Gesellschaft Jesu.

Seit 1934, also seit 75 Jahren besteht diese außergewöhnliche Schule. Und auch der Ort hat etwas Besonderes. Die Räume des Gymnasiums und des Internats befinden sich hinter den Mauern eines weitläufigen, tief im südlichen Schwarzwald gelegenen ehemaligen Benediktinerklosters. Die ursprüngliche Klosterkirche, der Dom von St. Blasien, prägt mit seiner gewaltigen Kuppel nicht nur die Anlage des Kollegs, sondern den ganzen Ort.

Dass den Jesuiten als Träger dieser Schule vieles daran liegt, die Dummheit zu gefährden oder sie am besten ganz aus der Welt zu schaffen, liegt auf der Linie der großen Tradition des Ordens, der sich immer auch als Bildungsorden verstanden hat. Und eben deshalb wird das Lesen in St. Blasien hochgehalten. Höher als das "Googeln" im Internet. Dafür steht die eindrucksvolle Bibliothek des Kollegs. Sie ist weiträumig, gut sortiert und hat von halb acht Uhr morgens an den ganzen Tag geöffnet.

Die Tatsache, dass der Spruch, den der Direktor an seinem Arbeitszimmerschrank angebracht hat, so humorvoll und ironisch ist, zeigt freilich noch etwas anderes: Im Kolleg St. Blasien herrscht keineswegs eine verbissene Atmosphäre. Und es geht offenbar gerade nicht darum, Kindern und Jugendlichen möglichst schnell möglichst viel Wissen zu vermitteln. Im Gegenteil: Pater Johannes Siebner wird nicht müde zu betonen, dass Bildung keineswegs gleichbedeutend ist mit der Anhäufung von Wissen. Dass es sogar sein kann, dass jemand, der außerordentlich viel weiß, in gewisser Weise "dümmer" ist als jemand, der lediglich kleinere Mengen an Wissen in seinem Gehirn gespeichert hat.

Zum eigenständigen Denken und Urteilen erziehen

Was aber macht dann überhaupt einen gebildeten Menschen aus? "Gebildet ist derjenige, der in der Lage ist, über das, was er gelernt hat, nachzudenken und sich sein eigenes Urteil darüber zu bilden", sagt der Kollegsdirektor von St. Blasien. Diese Antwort mag überraschen. Gerade in einer Zeit, in der die Qualität von Bildung oftmals nur danach beurteilt wird, ob sie langfristig der Wirtschaft und der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Unternehmen zugutekommt.

Die Gefahr, dem bildungspolitischen Zeitgeist zu erliegen, scheint freilich in St. Blasien nicht sehr groß zu sein. Im Gegenteil: Für manche Einlassungen hat Kollegsdirektor Johannes Siebner nur Hohn und Spott übrig. Oder Wut. "Ich kriege einen Hals, wenn ich den Spruch höre: Kinder sind unsere Zukunft", schimpft er. "Kinder sind uns doch um ihrer selbst willen anvertraut und nicht, weil sie zukünftige Ingenieure, Ärzte, Pfarrer, Pfarrgemeinderäte oder Rentenzahler sind."

Diese Haltung sagt einiges über das Profil des Kollegs und über die grundlegenden Ziele jesuitischer Bildung. Die Schule soll demnach zuerst und vor allem ein Ort sein, an dem Kinder und Jugendliche ihre Würde als Mensch erfahren. Daraus ergibt sich freilich nicht nur das Ziel des eigenständigen Denkens und Urteilens. Im Zentrum jesuitischer Erziehung steht selbstverständlich auch die Frage nach dem Grund dieser unhintergehbaren Würde des Einzelnen: die Frage nach Gott.

Um diese Frage wachzuhalten ist heute auch in einer Jesuitenschule ein beachtlicher Aufwand vonnöten. Denn selbst wenn viele Eltern ihre Kinder bewusst auf eine katholische und wertorientierte Schule schicken - das ändert nichts daran, dass eben diese Kinder oft kaum noch einen Bezug zur Kirche oder gar zum Gottesdienst haben. Belehrungen oder akademische Diskussionen "über" Gott reichen da nicht aus. "Wir müssen es einüben", unterstreicht Johannes Siebner. "Beten, Gottesdienst feiern, stehen, sitzen und knien."

Neben dem Schulgebet am Morgen, dem für die Internatsschüler verpflichtenden Sonntagsgottesdienst und dem Religionsunterricht geschieht dies beispielsweise auch in so genannten "Erzählgottesdiensten" für die fünften und sechsten Klassen, die in St. Blasien jede Woche anstelle einer regulären Religionsstunde stattfinden. Dabei geht es darum, den Kindern und Jugendlichen die biblischen Texte dadurch näher zu bringen, dass sie mitunter auf unkonventionelle Weise vermittelt werden - etwa durch ein szenisches Anspiel oder eine Pantomime. Und selbstverständlich werden diese Texte dann auch in Liedern, Gebeten, Fürbitten oder in einer Meditation vertieft.

Weit überdurchschnittliches Angebot

"Es ist etwas Experimentelles", meint Pater Ludger Joos, der sich in diesem Bereich gemeinsam mit den Religionslehrerinnen und -lehrern engagiert. Nach bald drei Jahren zieht der aus Freiburg stammende Ordensmann aber ein positives Fazit: "Die meisten Schüler kommen gerne", meint er. "Und die Rückmeldungen zeigen, dass sie sich auch an die biblischen Geschichten erinnern."

Keineswegs hängt das religiöse Profil St. Blasiens ausschließlich an den Jesuiten. Aber die Tatsache, dass fünf Ordensmänner im Kolleg arbeiten, die wiederum zu einem Konvent von insgesamt 13 Patres und Brüdern gehören, ist von zentraler Bedeutung. "Wir sind sichtbar", unterstreicht Direktor Johannes Siebner. "Und damit wird für die Kinder und Jugendlichen auch unser ganzer Lebensentwurf erkennbar."

Ganz abgesehen davon, dass insbesondere die älteren Mitglieder des Konvents mit spannenden und beeindruckenden Biografien aufwarten können, sind gerade die Jahre unmittelbar nach der Gründung des Kollegs eng mit der Geschichte des katholischen Widerstands gegen die Nationalsozialisten verbunden. Dafür stehen insbesondere die Jesuiten Alfred Delp und Alois Grimm, die beide als Erzieher und Lehrer am Kolleg tätig waren und später von den Machthabern des Dritten Reiches hingerichtet wurden. 1939 ließen die Nazis die Schule schließen.

Der Aufwand in Sachen religiöser Erziehung entspricht den pädagogischen Grundsätzen der Jesuiten insgesamt. Dafür steht das lateinische Wort "magis" - "mehr". Aus der Überzeugung heraus, dass jedes einzelne Kind und jeder einzelne Jugendliche über seine ureigenen Fähigkeiten verfügt, geht es im Kolleg St. Blasien wie in allen Jesuitenschulen darum, diese Fähigkeiten zu fördern. So gut es nur irgendwie geht.

Dies geschieht nicht zuletzt durch ein weit überdurchschnittliches Angebot an schulischen und außerschulischen Möglichkeiten. Zum Beispiel in Sachen Musik. Wer den wunderschön renovierten Bau der ehemaligen Wachsbleiche des Benediktinerklosters von St. Blasien betritt, gerät ins Staunen. Aus allen Räumen sind die Töne der unterschiedlichsten Instrumente zu hören. Wie in einer Musikschule.

Tatsächlich haben die Schülerinnen und Schüler des Kollegs die Möglichkeit, Einzelunterricht auf dem Instrument ihrer Wahl zu erhalten. Darüber hinaus gibt es natürlich auch Instrumentalklassen, einen Schulchor und ein großes Orchester, zu dessen Geigern auch ein Ordensmann gehört: Pater Peter Leutenstorfer. Der 81-Jährige war jahrzehntelang als Latein-, Griechisch- und Deutschlehrer am Jesuitenkolleg tätig. Über seine musikalischen Aktivitäten hinaus erteilt er dort zurzeit einem kosovo-albanischen Lehrer Lateinunterricht.

Überdies leitete Pater Leutenstorfer rund 30 Jahre lang die Theatergruppe des Gymnasiums, die jetzt bei der großen Jubiläumsfeier einmal mehr einen großen Auftritt hat: Am Pfingstsamstag und am Pfingstsonntag bringen die Schülerinnen und Schüler unter freiem Himmel, im Innenhof der Klosteranlage, Shakespeare's Romeo und Julia auf die Bühne.

"Ganzheitlich" wird eine solche Pädagogik landläufig genannt. Und selbstverständlich beinhaltet sie auch ein vielfältiges Angebot an Sportarten. Zu den Besonderheiten gehört aber auch das Schulfach Chinesisch einschließlich der Möglichkeit eines dreimonatigen Sprachaufenthalts in China. Zurzeit sind zehn Schüler aus St. Blasien in einer Partnerschule in Shanghai. Wie überhaupt der Aufenthalt im Ausland durch das weltweite Netz der Jesuitenschulen begünstigt wird. "Wenn ich einen Kollegen in Irland anrufe, dann ist das eben ein Mitbruder", betont Pater Johannes Siebner. "Da kann ich auch mal sagen: Du, ich habe hier einen Jugendlichen, der muss einfach mal eine Zeit lang raus."

Die Anerkennung und Förderung, die jeder einzelne Jugendliche in St. Blaisien erfährt, soll ihn freilich selbst wieder sensibel und hellhörig machen für die grundlegende Frage nach der Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Für die Frage, was er selbst tun kann, um gerade Menschen, die am Rande stehen oder benachteiligt sind, gerecht zu werden. Deshalb ist für alle Schülerinnen und Schüler des Kollegs ein Sozialpraktikum in der 10. Klasse verpflichtend.

Es liegt nahe, dass sich gerade auch Schüler mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Talenten an das Kolleg St. Blasien wenden. So genannte "hoch begabte" Jugendliche, deren Eltern besondere Erwartungen an die schulische Bildung ihrer Kinder haben. Diese Erwartungen werden in St. Blasien erfüllt - nicht zuletzt durch die vor einiger Zeit erfolgte Einrichtung eines "Zentrums für individuelle Begabtenförderung" innerhalb des Kollegs.

Die Bezeichnung "Eliteschule" weist Pater Johannes Siebner allerdings von sich. Aus guten Grund. Denn ungeachtet der jesuitischen Trägerschaft ist St. Blasien zunächst ein staatlich anerkanntes Gymnasium, das sich selbstverständlich an den Bildungsplänen des Landes Baden-Württemberg orientiert. Und bei fast zwei Dritteln der rund 900 Schüler des Kollegs handelt es sich ohnehin um "Externe", also um Jugendliche, die in der Umgebung wohnen. Für viele von ihnen ist das Kolleg somit eine im wahrsten Sinne des Wortes nahe liegende Wahl.

Die rund 340 Jungen und Mädchen, die im Internat wohnen, haben sich ganz bewusst für St. Blasien entschieden. Aber auch sie bringen die unterschiedlichsten Voraussetzungen mit. Mögen einige tatsächlich "hoch begabt" und viele äußerst talentiert und fleißig sein - andere sind vielleicht besonders träge, wieder andere pubertär-aufsässig und der Rest unauffällig-normal. Wie Jugendliche eben so sind.

Es steht außer Frage, dass all die musikalischen, künstlerischen, sprachlichen, mathematischen, naturwissenschaftlichen und sozialen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen nur dann zum Tragen kommen können, wenn bestimmte Rahmenbedingungen erfüllt sind. Das gilt insbesondere für das Leben und Lernen im Internat, das sich auch in St. Blasien nach bestimmten Regeln abspielt. Wohlgemerkt nach strengen Regeln.

Erziehung kann auch "Konfrontation" bedeuten

Jeden Nachmittag um fünf vor vier ertönt der Gong. Worauf sich die Schülerinnen und Schüler in ihren jeweiligen "Studiersaal" begeben. Punkt vier gongt es noch einmal. Dann ist "Silentium" bis um zehn vor halb sieben. Ohne Ausnahmen. Zweimal die Woche wird zusätzlich noch am Abend gelernt. Immer unter Aufsicht von Erzieherinnen und Erziehern, die allerdings nicht als Nachhilfelehrer fungieren, sondern in erster Linie darauf achten, dass die Jugendlichen ihre Arbeit richtig und effizient organisieren.

Es ist wohl gerade diese verpflichtende Tagesstruktur, verbunden mit einer Atmosphäre der Klarheit und Disziplin, die das Kolleg für viele Eltern so attraktiv macht. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich selbst aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage sehen, solche Vorgaben im familiären Bereich durchzusetzen. Pater Johannes Siebner lässt keinen Zweifel: "Erziehung muss stattfinden." Auch bei 18- und 19-Jährigen, wie er betont. Und das kann zuweilen auch "Konfrontation" bedeuten. Für den Kollegsdirektor ist das ebenfalls eine Frage der Würde: "Ich kann nicht von Jugendlichen Orientierung erwarten, wenn sie mit Erwachsenen zu tun haben, die selber orientierungslos sind", betont er. "Und ich kann nicht von Werten reden, wenn ich erlaube, dass ein Kind sein Kaugummi ausspuckt oder dass es nicht grüßt."

Was die Zahlen angeht, ist es in St. Blasien ähnlich wie an den anderen freien katholischen Schulen im Erzbistum Freiburg. Es "boomt". Das Internat ist trotz monatlicher Kosten von 1250 Euro fast voll belegt. Bei den externen Schülern, die 120 Euro im Monat bezahlen müssen, gibt es Wartelisten. Und obwohl das katholische Profil des Kollegs sehr deutlich herausgestellt wird, sind 27 Prozent der Internatsschüler evangelisch. Unter den in der Statistik als "Sonstige" aufgeführten Schülern sind auch Muslime.

Ein klares Profil und eine große Offenheit schließen sich in St. Blasien nicht aus. Vielmehr bedingt das eine das andere. Und letztendlich dienen sämtliche Regeln und Vorgaben dem immer wieder herausgestellten jesuitischen Erziehungsideal, dass sich die Kinder und Jugendlichen ihrer eigenen Würde wie auch der Würde der anderen bewusst werden. "Es soll niemand hier weggehen, ohne dass er das Gefühl hat, in seiner Person ernst genommen zu sein", sagt Pater Johannes Siebner.

Autor: Michael Winter

 

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