Kolleg St. Blasien

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Schwäbische Zeitung/Kirche & Leben vom Samstag, 25. April 2009

 

Zeit fürs Übernützliche soll bleiben

 

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"75 Jahre Kolleg in St. Blasien". Ein großes Transparent am Eingang der Stadt im südlichen Hochschwarzwald lassen keine Zweifel aufkommen: Das Jesuitengymnasium spielt eine zentrale Rolle im Leben der Gemeinde. Erst recht, wenn es in diesem Jahr Jubiläum feiert.

 

Von unserer Mitarbeiterin Barbara Waldvogel

 

Man braucht keinen Wegweiser, um Dom und Kloster zu finden. Weithin sichtbar prägen die ausladenden Konventsgebäude und die Kuppel des Gotteshauses die Kulisse des Städtchens. Etwas schwieriger wird es allerdings, wenn man das Büro von Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner sucht. Wer da an der falschen Ecke fahndet, muss unter Umständen viele Hundert Meter zurücklegen. Oder aber er hat Glück und begegnet einem Schüler oder einer Schülerin, die dann auch bereitwillig Auskunft geben. Die Chancen für solch einen ersten Kontakt mit Kollegianern sind gut, denn an dem Gymnasium werden derzeit rund 900 Kinder und Jugendliche unterrichtet. Das ist eine stattliche Zahl, wobei fast zwei Drittel jeden Tag aus der Umgebung anreisen, übrigens auch samstags. Manche nehmen täglich eine Fahrt von über einer Stunde in Kauf, um die private, katholische, staatlich anerkannte Schule besuchen zu können. Sie bezahlen außerdem 120 Euro monatlich für die Schule. Und wenn sie mittags essen, dann kostet das 2,50 Euro pro Mahlzeit. Im Internat, für das die Eltern monatlich 1250 Euro berappen, wohnen 200 Jungen und 130 Mädchen.

Mädchen seit 1989 mit dabei

Erst seit 1989 wird auch das weibliche Geschlecht in dem ehemaligen Benediktinerkloster unterrichtet. Was damals teilweise kritisch beäugt wurde, ist heute Normalität. Diese Entscheidung habe sich längst bewährt. Nicht zuletzt, weil der Umgangston unter den Schülern entschieden zuvorkommender geworden sei. Umgangssprache ist übrigens nach wie vor Deutsch, auch wenn die Schüler aus 22 verschiedenen Ländern kommen, versichert der 48-jährige Kollegsleiter, der acht Jahre lang in Hamburg als Jugendseelsorger Erfahrungen sammelte, ehe er 2002 die Leitung der Einrichtung und damit auch die Verantwortung für einen Elf-Millionen- Etat übernahm.

Wie viele andere kirchliche Schulen verzeichnet auch St. Blasien steigende Schülerzahlen. Es gibt zahlreiche Gründe für den Trend, einer davon ist sicher, dass immer mehr Eltern meinen, Schule müsse mehr sein als eine Wissensvermittlungsstelle. Was ist im Kolleg also anders? Da heißt es zum Beispiel zuallererst, jeder Schüler solle seine Würde erfahren. Außerdem soll er das Gelernte reflektieren lernen. Übrigens bekennen sich Jesuitenschulen zu ihrem diakonischen und politischen Auftrag und wollen deshalb Menschen zur Verantwortung erziehen. Im Idealfall sollen die Alumni später einmal einen Beitrag leisten für eine Gesellschaft, die sich der Gerechtigkeit verpflichtet weiß. Ein hoher Anspruch, der vor allem in diesen Tagen der Beutezüge von Bankrotteuren in Nadelstreifen besondere Aufmerksamkeit verdient.

Aber wer Schule und Internat besucht, hat nicht den Eindruck, dass die Schüler unter zu hohen Anforderungen leiden. Im Gegenteil. Die Grundstimmung ist fröhlich, was wiederum zur optimistischen Weltsicht der Jesuiten passt: Gott, der Schöpfer, lässt sich in allen Dingen suchen und finden - deshalb sind es alle Dinge wert, erforscht und studiert zu werden. Alte und moderne Fremdsprachen gehören genauso dazu wie naturwissenschaftliche Fächer, Philosophie, Astronomie, Literatur, Wirtschaft und vieles mehr. Es gibt Sozialpraktika, Besinnungstage, und die vielen internationalen Schüler, die in der einjährigen Euroklasse in Deutsch fit gemacht werden, bringen internationales Flair in die beschauliche Schwarzwaldidylle.

Reflektieren und vernetzt denken: Im Religionsunterricht übt auch Pater Joos diese Fähigkeiten mit der Klasse 5, wenn er mit den Kindern dem Geheimnis Gottes nachspürt. "Wie kann man Näheres über jemanden erfahren?", fragt er die Jungen und Mädchen. "Man muss darüber diskutieren, Spezialisten fragen, sich herantasten", lauten die Antworten. Dann wird ein christlicher Pop-Song eingelegt und der englische Text ins Deutsche übersetzt. Das geht recht ungezwungen, man hat nicht den Eindruck, dass da Wissen eingepaukt werden soll.

Pfingstferien sind gestrichen

Die Internatszöglinge fahren nur in den Ferien nach Hause. Jedoch nicht an Pfingsten. Da die Kinder und Jugendlichen wenigstens an einem kirchlichen Hochfest in der Obhut ihrer Lehrer und Erzieher bleiben sollen, verzichtet man auf diese Urlaubstage, was eine Privatschule auch selbstständig regeln kann. An Pfingsten wird dann auch der 75. Geburtstag gefeiert. Mit einem Hochamt im Dom, mit einem Festakt und einem Theaterstück. Was gespielt wird, ist nicht schwer zu erraten, wenn man die Balkon- Kulisse im Innenhof sieht: "Romeo und Julia" steht auf dem Jubiläumsprogramm. Dafür wird auch schon kräftig geübt, zum Beispiel im Schulorchester in der Bleiche. In diesem Gebäude ist nach umfangreicher Renovierung die Musikschule eingezogen. Musik, Sport, Theater - das außerschulische Kursangebot ist groß, und das soll auch so bleiben. Denn Pater Siebner will nicht, dass Schule für die Kinder das alles beherrschende Thema ist. "Wir wollen Schule so gut machen, dass Zeit bleibt für das Übernützliche, das halte ich für mindestens genauso wichtig wie die Binomische Formel." Im Internat heißt das zum Beispiel, dass nach dem Mittagessen erst einmal Freizeit ist. Ab 16 Uhr ist dann Studierzeit. Für alle. Da gibt es keine Diskussionen. Dazu treffen sich die Kinder und Jugendlichen in ihrem gruppeneigenen Lehrsaal. Jeder hat seinen Schreibtisch, und dann herrscht erst einmal eine Stunde Silentium. In der zweiten Stunde kann dann gemeinsam gelernt werden. Mit dabei ist ein Erzieher oder eine Erzieherin, die nach dem Unterricht für die Sprösslinge verantwortlich sind.

"Erziehung muss stattfinden", sagt Pater Siebner und diese fängt im Internat zum Beispiel mit ganz klaren Regeln an: Der Computer auf dem Zimmer ist erst in der Oberstufe erlaubt. Die Benutzung von Handys wird terminiert, und der Sonntag mit dem Besuch des Gottesdienstes gefeiert. Wie wichtig die Nähe zum Dom ist, wurde den Kollegianern besonders deutlich in den Tagen nach dem Amoklauf von Winnenden. 24 Stunden nach der Tat wurde ein Gedenkgottesdienst im Dom gefeiert. Dort fanden die Kinder und Jugendlichen einen Ort der Ruhe für ihre aufgewühlten Seelen.

 

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