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Herder Korrespondenz vom Donnerstag, 1. Mai 2008
Damit Schule nicht so wichtig ist
Ein Gespräch mit dem Direktor des Kollegs St. Blasien
Kirchliche Schulen erfreuen sich derzeit hoher Nachfrage. Was suchen Eltern und
Kinder, wenn sie sich dort anmelden? Was ist das Eigene katholischer freier Schulen?
Darüber sprachen wir mit dem Jesuiten Johannes Siebner, Direktor des Kollegs
St. Blasien, eines international ausgerichteten Jesuitengymnasiums mit Internat für
Mädchen und Jungen. Die Fragen stellte Alexander Foitzik.
HK: Pater Siebner, lässt sich der Unterschied zwischen dem Kolleg
St. Blasien, einer kirchlichen Privatschule also, und einem
staatlichen Gymnasium mit einem Satz erklären?
Siebner: Nein, zunächst ist ja festzuhalten, dass es eigentlich
keinen Unterschied gibt, weil wir zusammen mit den staatlichen
Schulen einen öffentlichen Auftrag wahrnehmen. Wer
in Deutschland Schule macht, auch als privater Träger, macht
das nicht zum privaten Nutzen oder Vergnügen. Außerdem ist
St. Blasien nicht nur das renommierte Internat, sondern auch
Standortschule für immerhin 580 so genannte externe Schülerinnen
und Schüler.
HK: Aber ein bisschen anders machen Sie Schule doch schon ...
Siebner: Wir machen Schule beispielsweise etwas teurer, geben
mehr Geld für Schule aus. Jeder Schulleiter einer staatlichen
Schule würde von seiner
vorgesetzten Behörde einen
blauen Brief bekommen,
wenn er so wirtschaften
würde wie wir.
Der Jesuit Johannes Siebner
(geb. 1961) ist seit 2002 Direktor
des Kollegs St.Blasien, eines
Privat-Gymnasiums mit
Internat für Jungen und
Mädchen. Von 1987 bis 1988
war er als Mitarbeiter des
Jesuit Refugee Service im
Flüchtlingslager Pulau Bidong
in Malaysia, von 1993 bis 2001
Jugendseelsorger in Hamburg.
Siebner ist Vorsitzender des
Verbandes Katholischer Internate
und Tagesinternate.
Das fängt damit
an, dass wir uns relativ
kleine Eingangsklassen leisten
oder Orchideen-Fächer
wie Griechisch und Chinesisch.
Wir bieten eine Instrumentalklasse
an, die uns ausgesprochen
teuer kommt,
unterhalten eine volle Stelle
für einen Schulseelsorger
und stellen unseren Schülern
und Schülerinnen ein sehr großes außerunterrichtliches Angebot
zur Verfügung. Wir machen also sehr aufwändig Schule.
HK: Wie wirkt sich die Trägerschaft durch einen Orden im Profil
der Schule und im konkreten Schulalltag aus?
Siebner: Ganz schlicht, wir Jesuiten leben hier im Kolleg, sind
da, sind ansprechbar, die jungen Leute sehen uns. Verlässliche
Präsenz ist das Wichtigste in der Jugendarbeit und Schule ist ja
auch eine Form der Jugendarbeit, der Jugendpastoral. Und
diese Präsenz zeigt sich nicht nur in einem umfassenden Gottesdienstangebot.
HK: Inwieweit gibt es dabei noch einmal eine besondere ignatianische
Prägung der Schule?
Siebner: Wir teilen unser Leitbild mit den Jesuitenschulen
weltweit. Die Jesuitenschule soll ein Ort sein, wo Kinder und
Jugendliche ihre Würde erfahren, an dem über das Gelernte
nachgedacht, an dem die Gerechtigkeitsfrage gestellt wird. Jesuitenschulen
haben einen diakonischen und politischen Auftrag,
indem wir, frei nach Ignatius,"Menschen für andere" bilden
und begleiten. Selbstverständlich soll die Jesuitenschule
aber auch ein Ort sein, an dem die Frage nach Gott wachgehalten
wird - nicht nur als Gegenstand des Religionsunterrichts,
sondern auch indem wir zusammen Liturgie feiern, Adventsund
Fastenzeit zusammen mit den Schülern und Schülerinnen
gestalten, wir Lehrern und Lehrerinnen Exerzitien, den Kindern
und Jugendlichen mehrmals in ihrer Schulkarriere
Orientierungstage anbieten.
HK: Was ist in alldem das Herzstück ignatianischer Pädagogik?
Siebner: Eine bestimmte Reflexionskultur, die auch Konsequenzen
für den Mathematik- oder Englischunterricht hat.
Der gebildete Mensch ist nicht der, der viel weiß, sondern der,
der unterscheiden, sich ein eigenes Urteil bilden kann. Es geht
um das eigene Urteil.
HK: Ein entscheidender Unterschied Ihrer Schule als einer freien
Schule ist doch aber auch, dass Sie Ihr Kollegium frei zusammenstellen,
sich die hoch Motivierten und besonders Qualifizierten
aussuchen können, keine Behörde Ihnen schwer vermittelbare
Problemfälle schicken kann.
Siebner: So einfach ist das nicht. Die Zusammensetzung unseres
Kollegiums ist auch eine Frage des Marktes. Wir müssen
durch die Art und Weise, wie wir hier arbeiten, für Lehrer und
Lehrerinnen attraktiv sein,
weil wir vor allem - mitten im Hotzenwald
gelegen - einen extremen Standortnachteil haben.
Die Zeiten, wo sich beim Schulleiter die Bewerbungen stapelten
und großzügig aussortiert wurde, sind vorbei. Wir zahlen
auch die gleichen Gehälter. Offenbar sind wir aber gerade für
jüngere Kollegen und Kolleginnen, auch in der beginnenden
Familienphase, sehr attraktiv. Es verlangt in jedem Fall aber
eine große Entschiedenheit, hierherzukommen.
HK: Welche Rolle spielt die kirchliche Schule bei der Motivation
der Lehrer und Lehrerinnen?
Siebner: Da stellen wir eine gewisse Veränderung fest. Die jungen,
gut ausgebildeten Kollegen und Kolleginnen fragen uns
sehr deutlich, was wir wollen und wer wir sind, was unser Alleinstellungsmerkmal
als Jesuitenschule ist, was wir auch ihnen
bieten können. Wir haben dazu innerhalb des Ordens
weltweit einen Selbstverständigungsprozess angestoßen: Was
macht eine Schule zur Jesuitenschule? An diesem Prozess beteiligen
sich auch die Kolleginnen und Kollegen unserer Schulen.
Dabei haben sich auch frühere Jesuitenschulen wie in
Dresden oder Hamburg entschieden, die ignatianische Tradition
fortzuführen, obwohl der Orden die Leitung dieser Standorte
nicht mehr leisten konnte und sie abgeben musste.
HK: Eine besondere Chance für Schulen in privater Trägerschaft
bieten die quasi handverlesenen Schülerinnen und Schüler aus
bildungsorientierten, gutsituierten Elternhäusern ...
Siebner: ... mit diesem Ruf müssen wir wohl leben, eine Schule
für reiche Schnösel zu sein; frei nach dem Motto, so wie das
Geld im Fußball die Tore schießt, macht Geld auch gutes Abitur.
Da bin ich mehr und mehr dankbar dafür, dass wir eben
neben der Internatsschule auch Standortschule für die Region
hier sind. Zwei Drittel unserer Schülerinnen und Schüler sind
externe Schüler, die zum Teil jeden Morgen horrende Wege auf
sich nehmen müssen. Und diese ganz normalen Kinder und
Jugendlichen kommen auch aus Hartz IV-Familien oder haben
Eltern, die in der Holzwirtschaft arbeiten. St. Blasien liegt
in einer strukturschwachen Region. Im konkreten Schulalltag
aber mischen sich Internatsschüler und Externe - das hilft uns
sehr. Die meisten Stipendien, die wir vergeben, bekommen die
externen Schüler, weil das Schulgeld, das wir einfach nehmen
müssen und das 115 Euro im Monat beträgt, für viele Familien
nicht zu stemmen ist. Obwohl es sehr wenig ist, für das, was
wir den Kindern und Jugendlichen bieten - angemessen oder
im besten Sinn des Wortes "billig".
HK: Ein Internatsplatz kostet 1200 Euro, das liegt deutlich jenseits
des Budgets ganz "normaler" Familien.
Siebner: Dabei sind wir ein Non-Profit-Unternehmen, wir
reden also von realen Kosten. Das aber ist wirklich ein Problem.
Wir haben hier Schüler und Schülerinnen aus Familien,
die sich das relativ leicht leisten können, aber auch Familien,
die sich seit Jahren für diesen Internatsplatz strecken und
mühen, an die Grenze des Leistbaren gehen. Manchen helfen
wir auch mit Stipendien. Wir haben ein recht ausgeklügeltes
Stipendiensystem, das natürlich noch verbesserungsfähig
ist.
"Die Erwartungen an Schule wachsen
geradezu bedrohlich"
HK: Warum schicken Eltern überhaupt ihre Kinder auf private,
kirchliche Schulen. Decken sich diese Motive mit Ihrem Konzept
der Schule oder gibt es auch Spannungen?
Siebner: Solche Spannungen will ich gar nicht leugnen. Eltern
stehen heute mehr denn je unter Druck, für die bestmögliche
Ausbildung ihrer Kinder sorgen zu müssen - es herrscht geradezu
ein Bildungsterror. Ständig werden die Eltern angepredigt:
Das Wichtigste ist eine gute Ausbildung. Auf der Suche
nach der bestmöglichen finanzierbaren Schule kommen sie zu
uns und wir sollen dann die Kinder und Jugendlichen fit für
den künftigen Job machen.
HK: Das passt nicht recht zu den Idealen ignatianischer Pädagogik.
Können Sie sich aber diesen Erwartungen entziehen?
Siebner: Der dahinter stehende Bildungsbegriff ist stark an
messbarer Leistung, einem guten Ergebnis orientiert. Wir
müssen natürlich diese Erwartungen bedienen, ob wir wollen
oder nicht. Aber wir bedienen sie, indem wir versuchen, Schule
möglichst gut zu machen und wir entziehen uns, indem wir
sagen, wir wollen Schule anders machen. In Elterngesprächen
formuliere ich diesen Anspruch so, und oft bemerke ich bei
meinem Gegenüber dann ein leichtes Zucken: Wir müssen
Schule ernst nehmen, damit sie nicht so wichtig ist.
HK: Wie wichtig ist denn die Schule wirklich?
Siebner: Die Schule ist in den letzten Jahrzehnten immer wichtiger
geworden, in dem Maße wie das Milieu, die Einheit aus
Familie, Schule, Kirche, Sportverein und Jugendfeuerwehr zerbrochen
ist. Die Schule ist zum zentralen Ort geworden, an
dem es noch so etwas wie einen gesellschaftlichen Zugriff auf
Kinder und Jugendliche gibt. Deshalb breitet sich Schule immer
mehr im Alltag der Kinder aus, und deshalb wachsen die
Erwartungen an Schule geradezu bedrohlich. Wer immer etwas
von Jugendlichen will, ob Wirtschaft oder Werbung - alle
gehen in die Schule. Wir bekommen beispielsweise jeden Tag
einen Haufen Post, hier der Wettbewerb eines Unternehmens
um die besten Nachwuchskräfte, dort unverhohlene Produkt-
Werbung. Schule ist gesellschaftlich so wichtig geworden, dass
wir als Schule zunehmend die Aufgabe haben, die Schülerinnen
und Schüler zu schützen, in dem wir ihnen Räume, Zeit
und Ort geben für so etwas wie das Übernützliche. Wir wollen
bilden, nicht ausbilden.
HK: Auf den Kindern und Jugendlichen selbst lasten auch
enorme Erwartungen und dazu brauchen sie eben eine ordentliche
Ausbildung.
Siebner: Ich werde zunehmend wütend, wenn ich ständig hören
muss, die Kinder sind unsere Zukunft. Der Druck, unsere
Zukunft sein zu müssen, ist für sie unerträglich. Wenn es ständig
heißt, Kinder sind unsere Zukunft, unsere Hoffnung, dann
klingt doch in Klammern immer mit, dass sie auch unsere Enttäuschung,
unsere Desillusionierung, unsere geplatzte Hoffnung
sein werden. Es wird heute viel zu viel auf die junge Generation
projiziert. Wer gute Erziehung leisten will, muss sich
dagegen immer wieder einüben zu sagen, dass Kinder und Jugendliche
um ihrer selbst willen begleitet und erzogen werden
müssen - nicht weil sie unsere Zukunft sind.
HK: Was macht ein Internat so attraktiv? Das Image von Internaten
hat sich in den letzten Jahren ja sehr ins Positive gewandelt
- das war nicht immer so.
Siebner: Das hat mit der Unzufriedenheit über den normalen
Schulbetrieb zu tun. Zum Teil geht es aber auch darum, dass
sich Eltern überfordert fühlen, etwa mit einem typisch pubertierenden
Kind und dem täglichen Kampf mit ihm: Schalte
den Computer aus und mach Hausaufgaben! Nimm endlich
mal das Handy vom Schreibtisch! Und so weiter. Im Internat
ertönt dagegen um 16.00 Uhr der Gong und das heißt "Studium";
das heißt "Silentium", dann läuft im ganzen Haus kein
Radio, kein Fernseher, keiner telefoniert - alle studieren. Kein
Rechtfertigungskampf; denn, wenn alle arbeiten, dann kann
ich auch arbeiten. Und das ist, was Eltern für ihre Kinder im
Internat suchen: Lernen lernen, eine Struktur für den Tag,
Ordnung, eine gewisse Strenge.
"Bei uns findet Erziehung statt"
HK: Empfinden Ihre Schüler das nicht als ziemlich heftige Einschränkung?
Siebner: Dafür ist um 12.30 Uhr Schluss mit Unterricht und
dann ist Freizeit für Sport, Musik, Blödsinn machen. Ab
16.00 Uhr wird gearbeitet, zwei Stunden und dreimal die
Woche ist Abendstudium. Aber es bleibt so immer noch viel
Freizeit. Was Jugendliche sich mit 17 oder 18 Jahren hier antun,
ist im Vergleich mit dem Leben ihrer Altersgenossen in
einer Großstadt schon erstaunlich. Das fängt an mit den Arbeitszeiten
und reicht bis zu unserem Umgang mit legalen
Drogen - das ist alles sehr streng. Aber unterm Strich haben
sie hier mehr Freiheit und vor allem lernen sie, Freiheit zu gestalten,
weil sie sich an diesen Grenzen abarbeiten müssen.
Natürlich kommen aber zu uns auch Kinder und Jugendliche
aus Familien, die in der zweiten oder dritten Generation ein
Internat besuchen und die schlicht die besonderen Möglichkeiten
des Internates schätzen. Wir bieten Dinge, die Familie
nicht leisten kann.
HK: Muss das Internat zunehmend auch als Familienersatz
dienen?
Siebner: Hier in St. Blasien sind auch ein paar Schüler, bei
denen es zuhause wirklich brennt - wir versuchen so gut wie
möglich zu helfen. Wir leisten jedoch keine Jugendhilfe. So
genannte Sorgenkinder können wir höchsten eines auf zehn
andere integrieren. Die Mehrheit unserer Schüler und Schülerinnen
ist hier, weil sie hier sein will.
"Wer Ganztagsschulen will, muss sehr viel
Geld ausgeben"
HK: Was können und sollten staatliche Schulen von freien, kirchlichen
Schulen lernen? Was machen Sie schlicht besser?
Siebner: Ich weiß, was die Kollegen und Kolleginnen in den
öffentlichen Schulen leisten, um gute Schule zu machen, mir
steht ein Urteil über diese gar nicht zu. Wenn überhaupt: Was
wir vielleicht besser machen, ist das, was wir Cura personalis
nennen, die Sorge um den Einzelnen. Das ist unser hoher Anspruch,
dazu bekommen wir aber auch ein gutes Echo von
Schülern und Eltern. Das andere: Bei uns findet Erziehung
statt - geredet wird über die Notwendigkeit von Erziehung
derzeit ja sehr viel und überall. Schule heißt nicht nur Bildung
und Ausbildung. Wir versprechen den Eltern, dass wir erziehen,
bis zum 12. oder 13. Schuljahr. Das heißt, sich einzulassen
auf die Beziehung mit Kindern und Jugendlichen, der
Konfrontation nicht auszuweichen, auch Grenzen zu ziehen.
Wir beobachten gerade im Ganztagesbereich derzeit viele Institutionen,
die völlig überfordert sind mit diesem Erziehungsauftrag,
schlicht weil es an pädagogisch geschultem
Personal fehlt. Es reicht nicht, wenn der Hausmeister Räume
aufschließt.
HK: Sie sind auch Vorsitzender des Verbandes Katholischer Internate
und Tagesinternate - wie bewerten Sie aus Ihrer Erfahrung
die gegenwärtige Diskussion über die Ganztagsschule?
Siebner: Wir erheben im Verband sehr bewusst den Anspruch,
dass auch in Tagesinternaten nicht nur Betreuung stattfindet,
in dem Sinne, dass sich das Angebot beschränkt auf ein bisschen
Hausaufgaben-Aufsicht, ein bisschen Spielen auf dem
Pausenhof und fertig. Ich sage das sehr vorsichtig, weil vielen
Schulen gar nichts anderes übrig bleibt, als das genau so zu
machen. Wenn überhaupt ein Vorwurf erhoben werden kann,
dann gegenüber dem schnell aufgelegten, in seinen Konsequenzen
aber katastrophalen Programm der damaligen
Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Und auch den
Landesregierungen, die nicht bereit sind, ihre Schulen entsprechend auszustatten. Wer Ganztagsschulen will, muss sehr
viel Geld ausgeben und darf das nicht als Sparprogramm
betreiben.
HK: Welche Rolle spielt für Eltern und Schüler, die bei Ihnen anklopfen,
die allgemeine Unzufriedenheit mit der Verkürzung des
Gymnasiums auf acht Schuljahre?
Siebner: Auch das so genannte G8 ist ja als Sparprogramm aufgelegt
worden - ein entsetzlicher Ausverkauf von Bildungspolitik.
Wer Schule gut macht, braucht Zeit. Ich will keine
womöglich noch künstliche Verlängerung der Schulzeit, aber
Kinder brauchen auch Zeit, über das Gelernte nachzudenken,
sie brauchen Orte der Reflexion, die Beschäftigung mit übernützlichen
Dingen. Die G8-Flüchtlinge werden deshalb bei
uns zu einer immer wichtigeren Gruppe. Erst haben die Eltern
ihr Kind vom Flötenkurs abgemeldet, dann beim Hockey,
dann bei den Messdienern. Die Kinder laufen Montag bis Freitag
im Schulhamsterrad; alles dreht sich um Schule, abends
sind sie platt. Die klassischen Freizeitaktivitäten brechen weg.
Freitagnachmittag fallen die Kinder und Jugendlichen und mit
ihnen die ganze Familie ins Wochenende. Und das Wochenende
muss es dann bringen! Mindestens zwei oder drei Konsumevents,
Freizeitpark, Rausch. Die Jugendlichen, die am
Wochenende sich ins Koma saufen, sind die, die unter der
Woche in der Schule eine Top-Performance bieten, die fünf
Tage in der Woche keinen Milliliter Alkohol trinken und nur
leisten, leisten.
"Wir erziehen auf das Außergewöhnliche
jedes Einzelnen hin"
HK: Soll die Internatsschule zum Regelfall werden, angesichts all
dieser gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen?
Siebner: Nein, und ich will auch nicht die Ganztagsschule als
Regelfall in Deutschland. Da stehe ich ganz in der Tradition
kirchlicher Schulpolitik. Die Familie ist der erste und privilegierte
Ort von Erziehung. Die Ganztagsschule, die ziemlich
ideologisch jetzt zum Regelfall gemacht werden soll,
halte ich für unausgegoren und nicht wünschenswert. In jeder
Region aber muss es ein gutes Ganztagsangebot geben,
weil die gesellschaftlichen Realitäten so sind wie sie sind.
Man muss den Familien helfen. Es braucht subsidiäre Angebote,
die ermöglichen, dass Familie der erste Ort von Erziehung
sein kann. So ist auch die Internatsschule eben nicht
der Regelfall, sondern etwas Besonderes, ein qualitatives
Mehr. Dass man uns Internatsschulen staatlicherseits aber
das Leben schwer macht, ist auch ärgerlich, weil wir doch in
besonderer Weise leisten, was die Politik täglich fordert. Das
Thema Internat ist dort noch nicht angekommen. Mit Ausnahme
der Internate, die die Länder mit erheblichem Aufwand
selbst betreiben unter dem für Bildungspolitiker derzeit
so hocherotisch besetzten Thema Hochbegabten-Förderung.
Früher galt das Internat als so etwas wie Heimunterbringung,
jetzt kippt das Image in Richtung schnöselige Elitenbildung.
Imagetransfer für Internate ist bleibend eine
Herausforderung.
HK: Warum muss die Kirche, ihre Orden überhaupt Internatsschulen
unterhalten. Ist es Ihre Aufgabe, die derzeit so viel
beschworene Elitenbildung für die Gesellschaft zu übernehmen?
Siebner: Ich habe mit dem Begriff Elite Bauchschmerzen, will
mich ihm aber auch nicht entziehen. Was und wer Elite ist,
wird ja meist von denen definiert, die sich zu dieser Gruppe
gehörig fühlen. Und diese Gruppe schafft sich eben auch ein
Ausbildungsmilieu. Dabei finde ich es erstaunlich, mit welchen
Heilserwartungen dieser vermeintlichen Elite derzeit begegnet
wird, trotz des realen Verhaltens etwa der prominenten
Wirtschaftsführer. Ich kann mich dem Begriff Elite aber auch
positiv von unserem eigenen Anspruch als Jesuitenschule her
nähern. Die Jesuitenschulen haben durch die Jahrhunderte
hindurch Elitenbildung gemacht. Ignatius sprach von denen,
die von größerer Bedeutung für das Allgemeinwohl sind. Die
Frage, die sich Jesuiten in der Geschichte immer wieder stellen
lassen mussten, war allerdings, ob man selbst Macht und Einfluss
wollte, oder wirklich nur diejenigen bilden und erziehen,
die diese Macht in einem guten Sinn später übernehmen
sollten.
HK: In heutiger Zeit ist es aber doch gar nicht so klar auszumachen,
wer größere Bedeutung für das Allgemeinwohl hat und erst
recht nicht, ob ein Kind oder Jugendlicher dieser Erwartung auch
gerecht werden wird und kann.
Siebner: Deshalb verdienen auch zunächst einmal alle Schülerinnen
und Schüler besondere Aufmerksamkeit, insofern wir
auch von allen erwarten, dass sie Verantwortung übernehmen
für die Gesellschaft, für die Kirche, für die Gerechtigkeit, für
die Eine Welt. Natürlich kommen zu uns auch die Familien,
die sich zur Elite zählen, die recht selbstverständlich davon
ausgehen, dass ihre Kinder die Verantwortungsträger der Zukunft
sein werden. Unsere Aufgabe muss sein, diejenigen, die
bereit sind, künftig Verantwortung zu übernehmen, für diese
Rolle auch zu befähigen.
HK: Wie schlägt sich das konkret in Unterricht und Schulalltag
nieder? Besonders viel Mathematikunterricht, Wirtschaftslehre
oder Ethik?
Siebner: Vielleicht lässt sich dies am Besten mit dem Begriff
des "magis", des "Mehr" erklären, der aus der Jesuiten-Pädagogik
stammt. Wir erziehen auf das Außergewöhnliche jedes
Einzelnen hin. Wir reden also nicht über Hochbegabten-Förderung,
sondern ringen vielmehr um Begabungsförderung
für alle, die hier sind. Wir investierten beispielsweise gerade
in eine Stelle in einem Zentrum für individuelle Begabungsförderung.
Es geht dabei darum, nicht bestimmte Talente,
sondern die Talente eines bestimmten Kindes ernst zu nehmen,
es zum Außergewöhnlichen zu erziehen. Wir wollen
dabei nicht die besonders gute Perfomance, die glatte Persönlichkeit.
Denn wahrscheinlich zeigt der, der in seiner
Schulkarriere mal gegen den Mainstream aufmuckte oder
sich solidarisch für andere einsetzte, später die größere Zivilcourage.
Und die Schülerin, die gelernt hat, zu widersprechen
und Fragen zu stellen, mag später vielleicht die größere
Wahrheitsliebe entwickeln. Und der, dem die Noten nicht so
wichtig waren, ist wahrscheinlich die souveränere Persönlichkeit
und kann leichter Wichtiges von Unwichtigem
unterscheiden. Wer zweckfreies Spiel erlebt hat und übernützliche,
ja "heilige" Orte beleben durfte, hat womöglich
eine bleibende Offenheit für Transzendenz. Der außergewöhnliche
Schüler ist nicht der, der hier nur Einser sammelt.
So aber wie wir die besonderen Talente jedes einzelnen
Schülers, jeder einzelnen Schülerin entdecken und fördern
wollen, gilt es auch das besondere Talent zu entdecken, Verantwortung
zu übernehmen für den, der biblisch gesprochen
mir anvertraut ist. Inhaltlich heißt dies, eine Sensibilität
zu wecken oder zu befördern für Werte, eine Sensibilität für
den Dienst am Nächsten, Sensibilität für das Anderssein des
Anderen.
HK: Was ist Ihr spezifisch kirchlicher Auftrag? Evangelisieren Sie
in Ihrer Schule?
Siebner: In gewissem Sinne schon. Wir machen beispielsweise
jede Woche für die Fünft- und Sechsklässler Erzählgottesdienste,
in denen die Kinder die Heilige Schrift kennen lernen
- Woche für Woche und eben nicht im Modus des Unterrichts.
Das ist Evangelisierung im nachchristentümlichen Milieu.
Denn obwohl Eltern ihre Kinder herschicken, weil es hier vermeintlich
besonders katholisch, konservativ und wertorientiert
zugeht, wissen die Jugendlichen oft nicht einmal mehr,
wie man in eine Kirche hineingeht, wie man einen heiligen Ort
betritt. Deshalb feiern wir mit ihnen Gottesdienst mitten unter
der Woche, in der Unterrichtszeit, um ihnen solche Erfahrungen
mit heiligen Orten, mit Liturgie und geistlicher Musik
zu ermöglichen. Ob das fruchtbar ist? Das haben wir nicht in
der Hand. Ignatius lehrt uns in den Exerzitien, dass die Aufgabe
des Lehrers, des Seelsorgers, des Erziehers nicht die ist,
dem Kind etwas abzunehmen, sondern nicht im Weg zu stehen
in der Beziehung zwischen Geschöpf und Schöpfer. Wir müssen
zurückstehen. Ignatius benutzt das Bild der Waage, um die
Rolle des Exerzitienmeisters zu beschreiben. Die beiden Waagschalen
sind der Exerzitant und Gott. Wenn uns das in der
Schule auch gelänge, die Beziehung zwischen Schöpfer und
Geschöpf als Waage zu ermöglichen- dann haben wir unseren
kirchlichen Auftrag gut erfüllt.