Kolleg St. Blasien

Presse - Archiv

 

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom Montag, 25. Mai 2009

 

Ein Tag des Schuldirektors

 

Von Anna von Münchhausen

25. Mai 2009 6.30 Uhr Ein gemeiner Gong weckt die 340 internen Schülerinnen und Schüler, Frühsport ist kein Pflichtfach. Pater Siebner, der irgendwo in dem weitläufigen Gebäude ein Apartment bewohnt, bekommt vor acht Uhr niemand zu sehen - die Freiheit nimmt er sich.

8.00 Uhr Der Unterricht ist bereits im Gang, da nimmt der Kollegsdirektor in seinem Büro die erste von etlichen Tassen Kaffee des Tages zu sich. Fixpunkte der nächsten Stunden werden mit der Sekretärin besprochen. In den nächsten Tagen steht ein großer Termin an: Das Jesuitengymnasium mit Internat im Südschwarzwald - 904 Schüler aus 22 Nationen, 185 Mitarbeiter - wurde vor 75 Jahren in einem ehemaligen Benediktinerkloster gegründet.

9.15 Uhr Grundkurs Religion in der 12. Klasse - Unterrichtsstunden sind für den Jesuitenpater eine willkommene Abwechslung. Moritz hält ein Referat über "Das Kapital", die Streitschrift von Bischof Reinhard Marx. Ganz leuchten die Prinzipien der katholischen Soziallehre nicht jedem Kursstufler ein.

10.15 Uhr Große Pause. Vor dem Lehrerzimmer fangen zwei Zwöftklässlerinnen den Kollegsdirektor ab: Warum dürfen ausgerechnet sie nicht zur Beerdigung ihres plötzlich verstorbenen Deutschlehrers? Schulleiter Bernhard Schmidle hat es untersagt, also setzen sie den Hebel beim Kollegsdirektor an. Drinnen trifft sich bei Kaffee und Brötchen das Kollegium im vermutlich einzigen deutschen Lehrerzimmer mit (kopiertem) Louis-seize-Mobiliar.

10.30 Uhr Zurück am Schreibtisch. Mails, Korrespondenz, Telefonate: Ist das Programm für das Pfingsttreffen fertig? Was will das Landratsamt? Gestern hat der Stipendienausschuss getagt - Eltern müssen informiert werden. Siebner diktiert: ". . . und bitten wir Sie nochmals um belastbare Unterlagen zu Ihrer finanziellen Situation." Außerdem täglich in der Post: Wettbewerbe, Kooperationsanliegen, Marketing-Trödel. Schon wieder wird um Teilnahme an einem Schulpreis gebeten. Das lehnt der Kollegsdirektor meist ab. "Unsere Aufgabe ist es, Kinder vor dem Zugriff der Politik, der Unternehmen, der Lobbyisten und der vielfach legitimen Interessen zu schützen. Sie sind eben nicht zuerst die Rentenzahler, Ingenieure oder Kirchenbesucher der Zukunft. Da wird viel zu oft die Enttäuschung der Erwachsenen in Kinder hineinprojiziert. Pädagogen haben die Pflicht, das zu durchschauen und gegenzusteuern."

12.05 Uhr Kontrollgang: Sind die neuen Stelen eingetroffen, die draußen als Wegweiser einbetoniert werden sollen? Für Besucher - und die Neuen. Denn im Juni, nach dem Abitur, wird wieder ein Jahrgang St. Blasien verlassen. Was hat dir das Kolleg gebracht, wurde einmal eine Abiturientin vor laufender Fernsehkamera gefragt. "Ich habe hier gelernt, dass nicht immer alles so geht, wie ich es mir in meinem dicken Kopf vorgestellt habe", lautete die Antwort. Siebner: "Da habe ich gedacht: Prima, das ist es. Sehr viel mehr will ich nicht."

12.45 Uhr Mittagessen im Esssaal der Kursstufler. Gesegnete Mahlzeit, Hähnchen, Nudeln, Brokkoli und Blumenkohl. Ad-hoc-Talk mit Schülern und Kollegen. "Wenn ich gefragt werde, was ich eigentlich mache, sage ich: Mein erster Job ist Präsenz. Da sein. Das ist die pädagogische Aufgabe und die des Seelsorgers. Dass ich nebenher Außenminister des Kollegs bin, Direktor, manche sagen: Manager - das kommt alles dazu."

13.15 Uhr "Visite" in der Ordenskapelle: Die Patres treffen sich zu einem stillen Gebet. Keine Exklusivveranstaltung, aber meist bleiben sie unter sich.

13.30 Uhr Noch ein Kaffee. Die Sonne meint es gut heute. Oben neben dem Mädcheninternat entblättern sich einige Girlies zur Sonnenanbetung. Den "Nymphengarten" nennt es Siebner missbilligend.

14.45 Uhr Ein Outdoor-Termin. Kaum hat sich der Kollegsdirektor auf den Weg gemacht, um oben im Wald einen öffentlichen Wanderweg einzuweihen, ertönt unten im Ort eine Sirene, ein Krankenwagen naht. Siebner wird unruhig: Hat womöglich wieder jemand einem anderen den Hockeyschläger über den Kopf gezogen?

15.10 Uhr Anruf vom Empfang: Fritz ist in den Fluss gerutscht und hat sich die Hand gebrochen, Sanitäter kümmern sich um ihn. Oben im Wald hat sich derweil ein Trupp vor dem Messingschild an einer Buche versammelt. Die Leistung der Jungen von Gruppe 7, die im Verein mit ihrem Gruppenleiter in 140 Arbeitsstunden einen zugewachsenen Wanderweg wieder freigelegt haben, würdigt Siebner mit launigen Worten, ebenso wie der stellvertretende Bürgermeister des Ortes. Nach Rückkehr hört er, Fritz sei bereits unterwegs in die Klinik.

16 Uhr Die "Aufnahmerunde" tagt - Kollegsdirektor, Internatsleiter, Schulleiter und die Leiterin des Mädcheninternats. Vor ihnen liegt ein Stapel mit Plastikmappen - eine für jeden Schüler, der sich vorgestellt hat. Will man ihn oder sie im neuen Schuljahr dabeihaben? Die Zahl der Interessenten übersteigt die der Plätze. Häufig wird hart gerungen. Was zählt mehr: Leistung oder Persönlichkeit? Diesmal läuft es glatt: Acht Zusagen ohne größere Diskussion. Die Neuen kommen aus Mexiko, Litauen und Deutschland.

19.30 Uhr Regionales Netwörkeln: Der Kollegsdirektor hält vor dem Rotary Club einen Vortrag über die Herausforderung an Bildung heute.

22.30 Uhr Siebner wird ein Handy überreicht: Zweimal in der Woche hat er Nachtwache. Wer von den 210 Jungen Hilfe braucht, wählt 555, dann rückt Siebner an. Tee, Wärmflasche, gut zureden. "Es hat etwas von einem Ganzjahreszeltlager", seufzt er. "Bei Heimweh hilft es nicht, wenn man sich Geschichten von zu Hause erzählen lässt, sondern nur Ablenkung." Als im Winter massenhaft Schnee im Innenhof lag, hatten einige Einfallsreiche beschlossen, nachts den Eingang des Mädcheninternats zuzuschaufeln. Siebner, um 0.30 Uhr alarmiert von einer Erzieherin, sprach ein Machtwort, musste sich aber das Grinsen verkneifen. "Man darf ja Sachen sehen - und muss erst dann handeln, wenn gesehen wurde, dass man gesehen hat . . ." Ein Prinzip, das nicht nur auf Schneestreiche zutreffen dürfte.

 

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