Kolleg St. Blasien

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Badische Zeitung vom Montag, 6. Juli 2009

 

Geschichte mit moderner Sprache zum Leben erwecken

 

ST. BLASIEN. "Man muss sich einfühlen in die Figuren, versuchen aus ihren Augen zu sehen und mit ihren Worten zu sprechen", erläuterte Raoul Schrott, der am Donnerstag aus seiner Übersetzung von Homers Ilias im Habsburgersaal des Kollegs gelesen hat. Schrott informierte ausführlich über Homer, die Ilias und seine Beweggründe, eine neue, völlig unkonventionelle Übersetzung zu schaffen.

Der vielfach ausgezeichnete österrei-chische Schriftsteller Raoul Schrott reise durch Kulturen und Zeiten und bringe Fundstücke mit, indem er Texte aus allen Kulturen ins Moderne übersetze, so Dr. Burkhard Reis, Lehrer am Kolleg und Moderator des Abends. Aber warum ausgerechnet eine Übersetzung der Ilias, einem Epos mit 24 Gesängen á 700 Versen? Schrotts Antwort ebenso einfach wie ehrlich: "Weil ich einen Roman schreiben wollte und Geld brauchte." Er habe geglaubt, er könne die Übersetzung nebenher machen. Dem war aber nicht so, vier Jahre lang brauchte er für die Übertragung des rund 2500 Jahre alten Werkes ins Deutsche. An einem guten Tag habe er 50 Verse übersetzt. Eigentlich nicht viel, aber zunächst müsse man Homerforschung betreiben, herausfinden, was dieser überhaupt gemeint habe, weil vieles zwischen den Zeilen stehe. Und dann stelle sich die Frage, wie man sich heute, rund 2500 Jahre später, ausdrücken solle. Homers Sprache sei sperrig gewesen. Er habe, so Schrott, nicht Homer, sondern die Ilias in ihrer Wirkung übersetzt und dabei starre Bilder dynamisch aufgelöst. Um Geschichte lebendig zu machen sei eine andere Form der Übersetzung nötig, so Schrott. Beispielsweise habe er das griechische Wort für "Weinschlauch" mit "Saufkopf" übersetzt. Auch von "Wanst aufschlitzen" und "unter den Nagel reißen" ist in seiner Übersetzung die Rede.

Den Einwand des Zwölftklässlers und Co-Moderators Sebastian Sahli, wenn er in einer Griechischarbeit so übersetzen würde, bekäme er null Punkte, konterte Schrott mit den Worten: Ein guter Lehrer könne zwischen falscher und richtig verstandener, aber ästhetisch anspruchsvoller Übersetzung unterscheiden. Griechischlehrer Dr. Reis trocken: "Das Original sollte trotzdem in Klammern stehen."

Und dann las Schrott den ersten Gesang seiner Übersetzung. Zum Vergleich wurde zuvor ein kurzer Ausschnitt aus der Übersetzung von Johann Heinrich Voss aus dem Jahr 1793 zu Gehör gebracht. Schrott trug seinen direkten, anschaulichen, aber auch poetischen Text temperamentvoll vor. Zuweilen hatte man den Eindruck, nicht einer Lesung, sondern einem Ein-Mann-Theaterstück zu lauschen, so sehr versetzte sich Schrott in die Protagonisten. Ob als eifersüchtige Hera, polternder Zeus oder beleidigter Achilleus - durch Mimik, Gestik und Tonfall verlieh Schrott jeder Gestalt ein eigenes Gesicht. Gebannt folgten die Zuschauer der Lesung und als Schrott nach rund 50 Minuten zu Ende kam, hatte so mancher den Eindruck, es seien erst wenige Minuten vergangen. Mit begeistertem Applaus bedankten sich die Zuhörer bei Schrott, der sich anschließend den vielen Fragen stellte und Bücher signierte.

"Lesen gefährdet die Dummheit" hatte Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner SJ bei der Begrüßung festgestellt. Aber dieser Abend zeigte, dass auch Vorlesen lassen der Dummheit schadet.

 

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