Kolleg St. Blasien

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Badische Zeitung vom Dienstag, 2. Juni 2009

 

Schauspieler, die unheimlich intensiv agierten

 

ST. BLASIEN. Ja, so hätte man sich Tybalt, Romeo, Julia, Benvolio und Mercutio gut vorstellen können: So temperamentvoll, so vital, so lebenshungrig. Dazu so risikoverliebt, selbstüberschätzend, leidenschaftlich und unvernünftig, wie man es nur in der Jugend sein kann. Es ist nicht zuletzt der hundertprozentigen Glaubwürdigkeit dieser fünf "Romeo und Julia"-Darsteller zu verdanken, dass die Zuschauer am Samstag auf der Freilichtbühne im Kollegs-Innenhof eine Premiere erlebten, die einen nach der letzten Verbeugung noch lange beschäftigte.

Romeo aus der Familie Montagu und Julia von den Capulets lieben sich, doch ihre adligen Elternhäuser sind verfeindet. Besonders zwischen den Jugendlichen beider Sippen herrscht irrationaler Hass und schnell entflammbare Gewaltbereitschaft. Dennoch hätten die Liebenden und heimlich Getrauten die Chance auf ein Lebensglück gehabt, wenn nicht eine Verkettung unglücklicher Zufälle ein eigentlich klug ausgehecktes Happy-End verhindert hätte. Im Laufe des Stücks sterben fünf der sechs jugendlichen Protagonisten - im Fechtkampf Mann gegen Mann oder durch Selbstmord. Maximilian Henkel (Mercutio), Cosmas Weigel (Romeo), Benjamin Gampp (Benvolio), Amelie Schönfeld (Julia) und Matthias Efinger (Tybalt) agierten so intensiv und kunstvoll, dass die düstere Handlung in jeder Szene spannend blieb, allein schon deshalb, weil es so viel Spaß machte, sie spielen zu sehen. Auch die komischen Elemente kamen nicht zu kurz.

Der Frische der Inszenierung spielte auch die "Romeo und Julia"-Übertragung aus dem Englischen des preisgekrönten Übersetzers Frank Günther aus dem Jahr 2005 in die Hände. Dieser blitzblanke Text erleichterte es den jungen Schauspielern wahrscheinlich, Szenen und Charaktere tiefer zu ergründen und authentischer zu spielen, als das mit der bekannteren August-Wilhelm-Schlegel-Übersetzung (um 1900) möglich gewesen wäre. Die in der Günther-Übersetzung sparsam verwendeten Elemente aus der zeitgenössischen Alltagssprache durchbrechen im Text immer wieder die ansonsten durchweg poetische, in freien Rhythmen gesetzte Hochsprache und sorgten damit für satte Situationskomik.

So geht es gleich los im ersten Akt, erste Szene: "Das sag ich dir, Gregor, wenn die uns anpflaumen, da werden keine kleinen Brötchen gebacken." Kämpferisch rüstet sich Simson, Bediensteter im Hause Capulet (Sophie Zeiher), auf die bevorstehende Begegnung mit einigen Kollegen aus dem Hause Montagu, denn auch das Personal der beiden Sippen ist sich handgreiflich spinnefeind. Wenn aber Tybalt von den Capulets den Benvolio provoziert: "Was, nackten Schwerts inmitten feiger Schwuchteln? Zu mir Benvolio, schau dem Tod ins Auge", dann gewinnt der sich anbahnende Straßenkampf so viel mitreißende Brisanz und bewirkt beim Zuschauer genau jene innere Anteilnahme, wie sie nur gutes Theater erzeugen kann.

Weitere schauspielerische Glanzlichter setzten Sebastian Sahli als findiger Bruder Lorenzo, der bis zum Schluss die Katastrophe abzuwenden sucht, Tatjana Kulow als Julias Amme, die resolut für viele witzige Momente sorgte, und Konstantin Schäfer als der alte Graf Capulet. Ihm gelang diese Rolle so gut, dass es für den Zuschauer nicht auszumachen war, dass hinter dem körperlich gebrechlichen Greis mit den so vitalen wie ambivalenten Charaktereigenschaften in Wirklichkeit ein sehr junger Schauspieler steckte.

Schön choreografierte Tänze (Regina Thelen) und Fechtszenen, ausdrucksstarke Kostüme (Marlies Woerz, Renate Albiez, Silvia Meier) und wirkungsvoll arrangierte Volksszenen sprachen auch das Auge an. Eines der eindrücklichsten Ensemblebilder war der Schreitreigen der zum Teil schwarz verhüllten Trauernden, die auf verschlungenen Wegen zum Schluss die Toten beklagten.

Regie führten Meinrad Emmerich, Klaus-Peter Schönfeld, Johannes Schnippering und Magdalena Läpple. Donnernder Applaus belohnte zu später und ziemlich frostiger Stunde die fantastischen Leistungen auf und hinter der Bühne.

 

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