Kolleg St. Blasien

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Badische Zeitung vom Samstag, 30. Mai 2009

 

"Das Übernützliche verteidigen"

 

Das von Jesuiten geführte Kolleg St. Blasien boomt, die Nachfrage nach Internatsplätzen steigt ständig. Im Jubiläumsjahr werden 560 externe und 340 interne Schülerinnen und Schüler aller Konfessionen unterrichtet. Sie stammen aus 22 Ländern. Susanne Filz sprach mit Kollegsdirektor Pater Johannes Siebner SJ über das Wesen der Pädagogik, den Schulalltag und das Besondere der Internatserziehung.

BZ: Pater Siebner, wie machen die Jesuiten Schule?
Siebner: Heute sind es vier Kriterien, die sich Jesuitenschulen weltweit auf die Fahne schreiben. Sie sollen Orte sein, an denen Kinder und Jugendliche ihre Würde erfahren. An denen über die Bedeutung des Gelernten nachgedacht wird, Reflexion geübt wird. An Jesuitenschulen wird die Frage nach Gott wach gehalten. Es soll auch ein Ort sein, an dem Jung und Alt Verantwortung übernehmen für mehr Frieden und Gerechtigkeit in der einen Welt. Es sind vor allem Nicht-Jesuiten, die das Kolleg mit hoffentlich viel jesuitischem Geist erfüllen.

BZ: Manches im Angebot des Kollegs, wie alte Sprachen oder Musikförderung, erinnert ans frühere bürgerliche Bildungsideal. Welche Berechtigung hat das heute?
Siebner: Wenn Sie sich die Studienordnung der Jesuiten von 1499 anschauen, werden Sie die Frage umdrehen wollen. Ist nicht das Bildungsideal, das wir zurecht mit Namen wie Humboldt, Kant oder Pestalozzi verbinden, zurückzuführen auf das, was in den Klöstern des Mittelalters oder später bei den Jesuiten entwickelt wurde? Fachwissen, Methodik oder formale Fähigkeiten werden weiter ihren Platz behalten. Entscheidend für mich bleibt die Fähigkeit zur Reflexion und zum eigenen gesunden Urteil. Für uns hat der Bereich des nicht Verwertbaren oder des Übernützlichen eine enorme Bedeutung und wir haben den Eindruck, dass wir diesen Bereich mehr und mehr verteidigen müssen.

BZ: Wie finanziert sich das Kolleg?
Siebner: Was die Schule betrifft, so gilt das, was für alle Privatschulen in Baden-Württemberg gilt. Wir erhalten knapp 80 Prozent dessen, was ein staatlicher Schüler kostet als Refinanzierung vom Land. Zudem engagieren sich das Erzbistum Freiburg, der Landkreis Waldshut und die Stadt St. Blasien am Kolleg. Auch für den Internatsbetrieb werben wir Drittmittel ein. Hier muss aber tatsächlich die Hauptlast von den Familien getragen werden.

BZ: Ein Internatsplatz kostet 1250 Euro pro Monat, externe Schüler zahlen 120 Euro. Ist diese Bildungskultur eine Frage des Geldbeutels?
Siebner: Ja, es ist eine Frage des Geldbeutels. Jeder, der das leugnet, macht sich etwas vor. Wir haben aber am Kolleg ein recht ausgefeiltes und wachsendes Stipendienprogramm. Wir achten darauf, dass die Zusammensetzung in der Schülerschaft die Gesellschaft widerspiegelt.

BZ: Was sind die Vorteile der Internatserziehung?
Siebner: Leben und Lernen in Gemeinschaft. Das denkbar beste Internat kann und will nicht Familie ersetzen. Gleichzeitig gilt: Die intakteste Familie bietet nicht, was ein Internat bieten kann. Abgesehen davon werden Kinder und Jugendliche intensiv begleitet, leben in christlichem Umfeld und haben ein vielseitiges Angebot, um ihre Potenziale auszuschöpfen. Es mag paradox klingen, aber das Korsett des Internatslebens und die klare Tagesstruktur erfordern und ermöglichen ein hohes Maß an Selbständigkeit, Verantwortungsbewusstsein und Freiheit.

BZ: Im Kolleg treffen Heranwachsende aus sehr wohlhabenden Schichten oder dem Adel auf ganz normale Mittelstandskinder. Gibt es da Reibungen?
Siebner: Ich beobachte vor allem in der Mittelstufe immer wieder mal Reibungen, die sich aber meistens bis zum Abitur dann stark relativieren.

BZ: Was ist die Euroklasse?
Siebner: Die Euroklasse gibt es seit 15 Jahren und sie wird weltweit nachgefragt. Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 8 bis 10 aus zahlreichen Ländern kommen für ein Jahr ans Kolleg, um intensiv Deutsch zu lernen. Zudem sind sie in den normalen Unterricht und das Leben der Internatsgruppe integriert. Die meisten Schüler gehen nach einem Jahr wieder in ihre Heimat; einige machen das Abitur.

BZ: Sie haben mehr Bewerbungen als freie Internatsplätze. Nach welchen Kriterien suchen Sie Ihre Schülerinnen und Schüler aus?
Siebner: Wir nehmen uns sehr viel Zeit, eine Familie kennenzulernen, die Motive eines Jugendlichen anzuschauen und natürlich auch die schulischen Voraussetzungen. Die Entscheidung wird im Team getroffen. Am Ende ist es die Frage: Passt die Schülerin oder der Schüler zu uns und passt das Kolleg zum Schüler?

 

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